Täuscht der Eindruck, oder wird Pop gerade wieder politisch? In Zeiten von Donald Trump wollen jedenfalls nicht nur die üblichen Verdächtigen des Geschäfts wie Madonna, Bruce Springsteen oder Green Day musikalische Zeichen gegen den neuen US-Präsidenten setzen. Protest-Playlists aus der Independent-Szene wie "30 Days, 30 Songs" oder "Our First 100 Days" versuchen Trumps Twitter-Gewitter ein Lied pro Tag entgegenzusetzen. Mitunter sind das nicht mehr als wohlfeile Gesten, aber bei vielen Musikern ist doch so etwas wie echte Sorge zu spüren - und die Angst, mit Gitarren und Stimme allein vielleicht doch nicht genug ausrichten zu können gegen die disruptive Wut, die im Weißen Haus Einzug gehalten hat.

Tinariwen können - dieser kleine Kalauer sei erlaubt - ein Lied von diesem Zwiespalt singen. Anfang der 1980er Jahre wurde diese Band in der algerischen Wüstenstadt Tamanrasset gegründet, und sie war von Anfang an Teil eines "identity building": Tinariwen machten Musik für die jungen "Ischumar", die Tuareg, die aus politischen Gründen, aber auch wegen der anhaltenden Dürren aus den Wüstenregionen Nordafrikas in die Städte geflohen waren. Als Nomaden wurden sie von den Regierungen ihrer Heimatländer (vor allem Algerien, Marokko, Mali und Niger) misstrauisch beäugt und drangsaliert.

Und so schufen Tinariwen, was übersetzt "Wüste" oder "leerer Ort" bedeutet, einen eigenen Musikstil: assouf verbindet traditionelle Rhythmen und Gesänge mit westlicher Rockmusik und wird hierzulande gerne als "Desert Blues" tituliert. Und tatsächlich meint "assouf" genau das: Verlust, Sehnsucht, Heimweh oder auch den "Schmerz, der kein körperlicher ist". Zwei Jahrzehnte lang sangen Tinariwen auf Hochzeiten, Taufen und anderen Festen von der fernen Heimat Wüste, ihre Songs wurden über Musikkassetten verbreitet. Zwischendurch vertauschten die Musiker um Ibrahim Ag Alhabib ihre Fender Stratocaster dann wieder gegen eine Kalaschnikow: In einem libyschen Militärcamp wurden sie zu Soldaten ausgebildet und kämpften Anfang der 90er Jahre unter anderem in Mali gegen die Unterdrückung ihres Volkes.

Das erste Album erschien 2001, und seither gehören Tinariwen zu den Größen dessen, was im Westen gerne als Weltmusik firmiert. Sie haben allein in den letzten drei Jahren 160 Konzerte gegeben und auf renommierten Festivals wie in Glastonbury oder Mon-treux gespielt. Ihre Mischung aus verzerrten E-Gitarren (die gelegentlich durch eine akustische Gitarre ersetzt werden), Wechselgesängen und afrikanisch-arabischen Rhythmen ist inzwischen stilbildend geworden. Terakaft, Tamikrest, Imarhan, Kel Assouf, Bombino, Mdou Moctar - sie alle sind auf die eine oder andere Weise Tinariwens Söhne und Enkel, die den Wüstenblues der Altvorderen auf höchst kreative Weise weiterentwickeln. Was auch zur Folge hat, dass so manche Tinariwen-Veröffentlichung der letzten Jahre fast ein wenig nach dem x-ten Aufguss des Immergleichen klang.

Sahara-Groove

"Elwan" ("Elefanten") heißt nun das achte reguläre Album, das diese Band (die eher einer musikalischen Großfamilie gleicht) in Kalifornien und im Süden Marokkos aufgenommen hat. Als Gastmusiker sind diesmal Kurt Vile, Matt Sweeney, Alain Johannes und Mark Lanegan vertreten. Kann sein, dass diese Unterstützung den zwölf Songs wieder ein wenig mehr aufgeraute Härte verliehen hat. Vor allem aber demonstriert "Elwan" die ganze Bandbreite dieser Musik: ein treibender, knochentrocken verzerrter Gitarrensound, komplexe Polyrhythmen, tranceartige Grooves und fast balladenhafte Ausflüge ins Akustische.

Als Höhepunkt versammelt ein Song wie "Nànnuflày" (was so viel bedeutet wie "erfüllt, vollendet") all diese Facetten auf erstaunlich beiläufige, um nicht zu sagen coole Weise. Und wenn dann nach zweieinhalb Minuten Sahara-Groove plötzlich die Stimme von Mark Lanegan erklingt (und man endlich ein paar Worte versteht, denn ansonsten wird auf Tamaschek gesungen), dann bekommt diese Musik eine Weite und Größe, wie sie tatsächlich nur Weltmusik (im Sinne von Weltliteratur) zu eigen ist. Der "leere Ort" hat sich wieder einmal auf wunderbare Weise mit Klängen gefüllt - zumindest für eine Albumlänge.