Für das Schweifen der Gedanken braucht man Zeit. Zeit, die wir längst nicht mehr haben. Ein Schwerpunkt von "Teilzeitrevue": das kapitalistische Gezwungensein zur Rastlosigkeit - und wie erschöpft wir davon sind. Der Autor: "Es ist wie der Song von Ton Steine Scherben: Macht kaputt, was euch kaputtmacht! Heute heißt es allerdings: Macht euch kaputt, bis es der Firma gut geht. Selbst in Kreativkreisen wird mittlerweile alles auf Leistung und ökonomische Aspekte ausgerichtet, dass es schon peinlich ist. Die Gentrifizierung ist nicht nur in den urbanen Räumen erkennbar, sondern auch in Szenen, die sich als ‚indie‘ bezeichnen. Und das Seltsame daran: Allen geht es am Arsch, aber alle machen mit."

Dass die begleitende digitale EP "Teilzeitrevuesongs" (Trikont) durch verschiedene Genres springt, scheint angesichts der Erzählweise stimmig. Und schon das bisher letzte Attwenger-Album "Spot" versammelte Jingles und Songminiaturen. Ist die kurze Form für Binder heute wichtiger als die große Narration? "Schon. Und dann soll die Sprache nicht zu sehr durch Handlung eingeschränkt werden. Ich hoffe, man merkt dem Buch an, wie viel Spaß es mir macht, mich mit Sprache zu spielen."

Musik und Rhythmus sind in "Teilzeitrevue" nicht nur mit eingestreuten Songtexten präsent. Der Eindruck entsteht, dass hier auch der Drummer aus dem Autor schreibt. Markus Binder: "Für mich war die Schwierigkeit die, 500 bis 600 Einzeltexte, die alle in der gemeinsamen inhaltlichen Absicht verfasst wurden, zu vereinen, dabei auch abschweifen zu dürfen und das Ganze in einen Rhythmus zu bekommen. Wie entsteht ein Kontext, der einen Flow hat, crashende Elemente aber auch zulässt?"

"Rockende Geschichte"


Schweifen wir jetzt aber etwas ab. Ernst Jandl fühlte sich einst von Attwenger zu seinem Buch "stanzen" und somit zu einer seiner produktivsten Schaffensphasen inspiriert. "Das ist natürlich ein ziemliches Kompliment und sehr lobenswert vom Herrn Jandl! Nur als er meinte, es wäre toll, gemeinsam aufzutreten, war ich nicht so überzeugt. Jandl stand damals ja gerne mit so Jazzbands auf der Bühne. Ich habe ihm 1992 vorgeschlagen, sich ein Konzert von uns anzuschauen. Danach hat er mich verstanden. Attwenger, das ist halt schon eine sehr rockende Geschichte!"

Wie es Binder, den Oberösterreicher mit Gstanzl-Hintergrund, ausgerechnet zu einem Berliner Verlag verschlagen hat, wäre jetzt noch zu klären. "Bei einer Lesung von Max Müller von der Band Mutter habe ich in der Linzer Kapu ihn und seinen Verleger Jörg Sundermeier kennengelernt. Daraus ergab sich das. Der Verbrecher Verlag hat tolle Veröffentlichungen, außerdem mag ich die klaren Designs - und der Verlag ist wie ich. Er schweift ständig ab!"

Markus Binder: Teilzeitrevue. Verbrecher Verlag

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