So klangen die 90er Jahre - auch. Also wenn sie jetzt nicht im deutschen Privatfernsehen von C-Promis und unlustigen Comedians mit unlustigen Kommentaren beim Anschauen alter Musikvideos der Backstreet Boys memoriert werden. Achtung, harter Bruch, wir befinden uns im Segment des US-Indie-Rock, der im Fall des manisch im Heimstudio aktiven Songwriters und Sängers Jason Lytle und seiner Band Grandaddy als Erfüllungsgehilfen im Hintergrund ebenso eklektisch wie spinnert daherkam.

Wunderwelt der Technik


Einerseits stürmte das kalifornische Quintett nach ersten Kassettenveröffentlichungen im Eigenverlag bereits auf seinem 1997 erschienenen Debütalbum "Under The Western Freeway" durch klassisch geschrammelte Gitarrenbretter mit Slacker-Attitüde ("Summer Here Kids"). Andererseits ging es mit fragilen und dramatischen Outer-Space-Balladen mit Andockstationen bei den Kollegen von den Flaming Lips sowie bei altverdienten Vorreitern wie Jeff Lynne und dessen Electric Light Orchestra durch den Orbit zu den Sternen. Diese Seite von Grandaddy wiederum war die Trägerrakete für die weite Stimmungspalette des Texters Jason Lytle, der sich entlang der bipolaren Extreme tiefe Melancholie und Ironie mit Schalk im Nacken auch darum kümmerte, eventuelle eigene Empfindungen lieber chiffriert darzustellen. Wie es programmatische Albumtitel wie "The Sophtware Slump" von 2000 schon vorwegnehmen sollten, kam ihm die Wunderwelt der Technik dabei zu Hilfe. Immerhin sang der Mann über Humanoide, die sich zu Tode tranken, wenn er sich nicht gerade in die Lage eines Mobiltelefons im Standby-Modus versetzte. Sehr treffend fassten die "New York Times" das einmal wie folgt zusammen: "Jason Lytle provided the soundtrack to dot-com-era alienation, singing (. . .) of life spent staring into a computer screen."

Leider war nach vier Alben 2006 schon wieder alles vorbei. Jason Lytle fühlte sich ausgebrannt und konnte mit seiner Kunst anscheinend kein Publikum anziehen, das groß genug war, um seine Band am Leben zu halten. Zwei sträflich unterschätzte Soloalben, ein Ausflug mit dem Projekt Admiral Radley und für das symbolische Kapital wichtige Gastauftritte bei Kollegen wie M. Ward oder auf dem Album "Dark Night Of The Soul" von Danger Mouse und Sparklehorse hielten ihn aber auch im Anschluss beschäftigt. Nach einer Reunion mit Grandaddy als Live-Unternehmen schon im Jahr 2012, erscheint mit "Last Place", auf dem Label 30th Century Records von Danger Mouse, nun nach elf Jahren wieder ein Album der Band. Es bündelt alte Kernkompetenzen in neuer Frische. Eine Blockveranstaltung im Zeichen des stromlinienförmigen Midtemposongs auf Basis von Stromgitarren mit Synthesizer-Umrahmung eröffnet die Spieldreiviertelstunde im vertrauten Stimmungssegment, ehe eines passiert: Jason Lytle spielt mit "The Boat Is In The Barn" all seine harmonisch hörbar britannisch gefärbten Raffinessen als Songwriter aus, um im Schwebezustand zwischen Streichern und Klavier vielleicht erstmals zu einem verletzlichen persönlichen Ausdruck zu kommen, der keine Chiffren mehr braucht. Vor allem im zweiten Teil des Albums geht es mit moll-lastigen Dramen wie "This Is The Part" und Lytles hübsch dünner Stimme um Trennungen, Abschiede und Verluste. Auch wenn es dann doch kurz wieder technisch wird, wenn bei "A Lost Machine" eine Nämliche für den Vergleich mit einer kaputten Beziehung herhalten muss und im Hintergrund Störsounds frickeln - oder Lytle im hektischen "Check Injin" einen (Bruch-)Piloten im Betteln und Bitten um einen funktionierenden Motor gibt, während der Song auf der Metaebene das Tempo nicht von ungefähr abrupt wechseln dürfte.

Die Frage, wohin das Pendel ausschlägt, wird so zum ständigen Begleiter bei einem Album, das das Heitere und das Tragische in sich vereint. Dass Lytle seine große kleine Kunst immer als Understatement anlegt, ist ihm ohnehin hoch anzurechnen. Chapeau!