Präsentieren eine überschwängliche musikalische Revue: The New Pornographers. - © Jenny Jimenez
Präsentieren eine überschwängliche musikalische Revue: The New Pornographers. - © Jenny Jimenez

Dass Allan Carl Newman zu den größten kontemporären Pop-Songschreibern gehört, ist Lesern dieser Seite nie verheimlicht worden. Und doch muss, um das Format des in Vancouver geborenen und heute in Woodstock, New York, lebenden Sängers und Gitarristen ins richtige Licht zu rücken, hervorgehoben werden, dass Newman auf zwei verschiedenen Hochzeiten tanzt. Da sind auf der einen Seite seine Soloalben, die mit einem Mix aus klassischem Pop, Rock und Folk (und auf dem tollen Debüt "The Slow Wonder" auch Rudimenten von Punk) mehr oder weniger die Liedermacherschiene bedienen: Alben, die als "persönlich" wahrgenommen werden, wenngleich sich die Bekennerhaftigkeit von Songs wie "Submarines Of Stockholm" durchaus in Grenzen halten dürfte.

Alles Inszenierung

Auf der anderen Seite führt Newman aber auch eine Band, in der er außer Protagonist auch Verteiler seiner kreativen Habe ist, und bei der alles Inszenierung, Rolle und Geste ist. Schon der Name The New Pornographers ist eine bewusste Irreführung und doppelbödige Provokation. Unmittelbar pornografisch ist bei den Pornographers - wiewohl sie mit Neko Case eine Frontfrau mit veritablem Sex-Appeal haben - natürlich nichts. Ihr Thema ist vielmehr die Unterhaltungsindustrie. Songs wie "The Bleeding Heart Show", "The Mary Martin Show", "Miss Teen Wordpower" oder "Dancehall Domine" verweisen aus verschiedenen Perspektiven auf die Omnipräsenz des Showbusiness, die nicht nur voyeuristische Bedürfnisse befriedigt, sondern auch Verhaltensweisen prägt.

Kongruent zu ihrer inhaltlichen Ausrichtung präsentieren sich die üblicherweise mit sechs, sieben Akteuren besetzten Pornografen als aufgedrehte, überschwängliche Revue. Da Newman im Durchschnitt zwar rund 80 Prozent des Repertoires verfasst, aber nur knapp mehr als dessen Hälfte selbst intoniert, kommen mehrere Stimmen und

Protagonisten zum Zug. Stilistisch irgendwo zwischen Punk, Power-Pop und Echos von Früh-80er-New-Wave verortet, eignet dieser Musik, die doch eine abgefeimte, von Profitinteressen umgetriebene Schein- und Kunstwelt reflektiert, in ihrem fröhlichen Ungestüm auch etwas paradox Unschuldiges.

Drei Weltklasse-LPs haben die Pornographers zwischen 2000 und 2005 herausgebracht. In der zweiten Hälfte der Nullerjahre hatten sie einen leichten Einbruch und zeigten Tendenzen Richtung Erwachsenen-Balladenpop und somit gepflegter Langeweile auf hohem Niveau. Mit dem exzellenten 2014er-Album "Brill Bruisers" haben sie jedoch wieder Fahrt aufgenommen.

Das Luxusproblem der Band liegt in ihrer organisatorischen Struktur: Da sie mit der erfolgreichen Alternative-Country-Sängerin Neko Case, dem von Kritikern besonders geschätzten Dan Bejar und Newman himself drei profilierte Solokünstler beherbergt, ist es schwierig, alle Schäfchen unter ein Dach zu bringen.

Tourneen finden zumeist ohne Case statt, die für die Band auch keine Kompositionsbeiträge mehr beisteuert. Und auf "Whiteout Conditions" fehlt wiederum, angeblich wegen terminlicher Unvereinbarkeiten, Bejar, der an einer neuen Platte mit seiner Band Destroyer arbeitet. Obwohl Bejar bisher zu jeder New-Pornographers-Platte zwei, drei Songs beigesteuert hat, fällt seine Absenz eigentlich nicht besonders auf. Der ausgestiegene Schlagzeug-Berserker Kurt Dahle wiederum fand annähernd gleichwertigen Ersatz in Joe Seiders.

Die einzige kleine Schwäche an "Whiteout Conditions" ist, dass von den elf Songs nur "This Is The World Of The Theater" mit Newmans besten Stücken mithalten kann. Atmosphärisch ist der siebente Longplayer der Band aber mitreißend: Mit Tempo, verstärktem Synthie-Einsatz und alternierenden, sich oft auch überlagernden Gesangsparts von Case, Newman und Keyboarderin Kathryn Calder stürmen die Pornographers durch vergleichsweise ernste Inhalte. Der Titelsong etwa beschreibt Antriebslosigkeit wegen Depression. Der Opener "Play Money" ergibt sich der illusionslosen Einsicht, mit der Kunst Teil eines Geldzirkulationssystems zu sein, während in "Colosseums" wie in "Clockwise" die Gesetzmäßigkeiten des Ruhms hinterfragt werden. Alle Wege führen ins Showbusiness. Aber keiner führt hinaus.