Wer ist Lia Pale? Vor fünf Jahren wusste das noch niemand. Als die junge Sängerin dann aber die Bühne des Porgy & Bess betrat, nahm neben ihr ein weiterer Musiker Platz, und den kannte jeder: es war Mathias Rüegg, Mitbegründer des Lokals, Pianist, Ex-Leiter und -Arrangeur des aufgelösten Vienna Art Orchestra. Der Gag hat sich danach zum Langzeitprojekt entwickelt: Rüegg tut, was er immer gern tat, nämlich Klassik in Kammerjazz umzudrechseln; Pale, die eigentlich Julia Pallanch heißt, erweckt diese Noten mit Wohlklang zum Leben.

Nun ist das Duo mit Schuberts "Winterreise" zu seinem Anfang zurückgekehrt. Statt erneut eine Auswahl daraus zu bearbeiten, wurde diesmal der ganze Liederzyklus umgeschliffen. Rüegg übergießt die 24 Stücke (unter Hinzufügung einiger Solo-Instrumente) mit all seiner ziselierten Arrangeurskunst, Pale singt charmant und schmiegsam auf Englisch. Für sich genommen eine Leistung. Für die "Winterreise" aber ein Bärendienst. Die Intensität des kargen, düsteren Originals fährt hier niemandem in die Knochen. Selten wurde ein Meisterwerk so kultiviert missverstanden.