Seine Landsleute verehren den warmherzigen Hünen fast wie einen Heiligen. Chucho Valdes, der kubanische Duke Ellington, ist eine der letzten lebenden Legenden des Latin-Jazz. Der begnadete Pianist und Komponist aus Havanna mit der coolen Kangol-504-Mütze revolutionierte mit seiner Band "Irakere" die kubanische Musik. Trotz Embargo gewinnen sie Ende der 1970er Jahre einen Grammy. Mit seinem neuen Album "Tribute to Irakere" konnte der fünffache Grammy-Gewinner erneut die begehrte Trophäe einsammeln. Die "Wiener Zeitung" traf den 75-jährigen Grandseigneur in Bern.

"Wiener Zeitung": Herr Valdes, was macht die Einzigartigkeit des Sounds Ihrer Band Irakere aus?

Chucho Valdes: Wir haben einen neuen Stil geschaffen, indem wir die Batá und Yuka Trommeln, die traditionellen Instrumente der Santeria, der kubanischen Hauptreligion, integrierten. Die Santeria ist eine Mischung aus katholischer Folklore und dem Yorubakult aus Nigeria, den die afrikanischen Sklaven im 17. Jahrhundert mit nach Kuba brachten. Dazu kamen E-Gitarre und E-Bass sowie unsere Bläsersektion. Aus dieser Fusion von Funk, Blues, kubanischen Son und afro-kubanischem Jazz entstand schließlich die "Timba". Das Schlagzeug und der Bass spielten Funk und die Batá Trommeln und Congas kubanische Rhythmen. Unser Drummer Jorge Alonso entwickelte einen neuen Rhythmus: Batumbatá. Auch unser Name stammt aus der Sprache der Yoruba und bedeutet Wald oder Dschungel.

Jazz galt ja nach der Revolution in Kuba als suspekt und war als Yankee-Musik verschrien.

Ja, sie betrachteten den Jazz als Musik der Imperialisten. Ich entgegnete: Es waren die gleichen Afrikaner, die als Sklaven nach New Orleans und nach Kuba verschleppt wurden, also darf es zwischen diesen Kulturen keine Mauer geben. Im Grunde haben wir den afrokubanischen Jazz aus den 40er Jahren modernisiert. So konnten wir sagen, wir spielen keine US-amerikanische, keine Yankee-Musik, sondern eine Fusion aus Jazz und afrokubanischer Musik. Das hat uns natürlich geholfen und so konnten wir unsere Jazz-Leidenschaft kaschieren.

Wer waren die ersten Jazzmusiker, die Sie als Kind sahen und hörten?

Als Kind war es mein Vater Bebo. Ich war drei, als ich das erste Mal am Klavier saß. Er spielte zuhause die Stücke von Duke Ellington, Count Basie, Glenn Millers Band. Ich hatte Glück, denn ich konnte diese Jazzgrößen sogar live erleben. Denn mein Vater nahm mich schon als Bub mit ins Tropicana, den angesagten Nachtclub in Havanna, wo er die Band leitete. Dort hörte ich Nat King Cole und Sarah Vaughn. Sie sang "How high the Moon" und scattete dazu. Das war pure Magie für mich. Ich war total beeindruckt und wollte später unbedingt diese Musik spielen. Was anderes kam für mich gar nicht in Frage. Es war mein Traum, Jazzpianist zu werden. Obwohl ich natürlich auch klassische Musik studierte. Als ich Nat King Cole spielen hörte, dachte ich, jetzt bin ich im Himmel. Er war ein guter Sänger, aber meiner Meinung nach ein noch besserer Klavierspieler.

Gab es noch andere Jazzmusiker, die Sie beeinflussten?

Bill Evans war wichtig für mich. Als ich ihn das erste Mal hörte, konnte ich die Platte gar nicht zu Ende abspielen, weil ich zu Tränen gerührt war. Ich verglich mich mit ihm und hatte das Gefühl, dass mein Sound nicht gut genug war. Ich war damals 23 Jahre alt. Danach ging ich zu meiner Musiklehrerin und gab ihr die Bill-Evans-Platte. Ich sagte, ich möchte spielen wie er. Wir arbeiteten tatsächlich daran, das harmonische Konzept von seinem Song "Waltz for Debbie" zu lernen. Aber das war unrealistisch. Bill Evans war ein unglaublich poetischer Spieler mit einem Konzept, das sich von allen anderen unterschied. Er spielte, was ich fühlte. Besonders wie er die Pedale benützte, war speziell. Auf dem Newport Jazzfestival 1978, auf dem wir mit Irakere erstmals in den USA aufgetreten sind, sah ich Bill Evans live. Auch meinen Vater habe ich dort zum ersten Mal nach 18 Jahren wiedergetroffen.

Ihr Vater, der Mambo-König der 50er und Pionier des afrokubanischen Jazz, hat Kuba nach der Revolution verlassen.

Als im Januar 1959 die Revolution ausbrach, war ich mit ihm auf der Straße auf dem Nachhauseweg. Ich hatte bis fünf Uhr Früh im Tropicana gearbeitet und Papa wartete auf mich, um mit mir nach Hause zu gehen. Es war der Neujahrstag. Ich wurde, als mein Vater Kuba verließ, mit 19 Jahren plötzlich zum Familienoberhaupt. Ich wollte die Arbeit mit meinem Pianotrio weiterführen. Wir waren damals erfolgreich mit amerikanischem Jazz à la Bill Evans und Oscar Peterson. Sicher war nach der Revolution einiges anders. Aber ich habe mich weiterhin mit Musik beschäftigt, weiter mit dem "Orchesta cubana musica moderna" gespielt und dann mit meiner Band "Irakere". Schließlich wurde sie zu einer der wichtigsten Gruppen im 20. Jahrhundert, nicht nur in Kuba, auch international.

Die letzen Jahre seines Lebens verbrachte Ihr Vater im spanischen Benalmádena.

Er spielte hier einmal und liebte den Ort und die ganze Gegend. Immer sagte er: Ich würde hier gerne leben. In Brandbergen nahe Stockholm, seinem schwedischen Asyl, war er nicht immer glücklich. Er musste eine Zeit lang in Hotelbars auftreten. 2005 entschied er sich dann, zu kommen und zu bleiben. Ich kam, um ihn zu besuchen. Ich stellte fest, dass mein Vater krank war und mich brauchte. Und so zog ich mit meiner argentinischen Frau Lorena und meinem Sohn Julian zu ihm.