Vergnügungen - und Probleme: Leslie Feist hadert partiell und gastiert im Sommer wieder in Österreich. - © Mary Rozzi
Vergnügungen - und Probleme: Leslie Feist hadert partiell und gastiert im Sommer wieder in Österreich. - © Mary Rozzi

Vergnügen ist bekanntlich eine Frage der Definition. Die einen erfreuen sich daran, im Garten Rosen zu züchten, die anderen machen mit dem Rasentraktor lieber Kompost aus der Wiese. Studierende der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wissen über den mit dem Vergnügen verwandten Begriff der Unterhaltung, dass Bad News gut fürs Geschäft sein können, weil die Realität in Form eines zersplitterten Nagels am kleinen rechten Zeh von Kim Kardashian bei Frauke Ludowig auf RTL (gerade auch in diesem Gesamtpaket!) sehr faszinierend ist - oder so ein Familiendrama in Mattersburg aus im Dunkeln liegenden Gründen gruseliger als der blanke Horror, wenn er sich nur hinter einer Kopfgeburt von Stephen King versteckt. Ganz abgesehen jetzt von der Freude, die man dabei empfinden kann, Bob Ross zum geschätzten 467. Mal einen Wasserfall im rosa Abendrot zeichnen oder wieder einmal die Folge "A Picnic At Windsor" aus der Reihe "Englisch für Anfänger" von 1982 zu sehen.

Um Fassung ringen

Stichwort auch: Schmerz und Pein, lieber leiden, unglücklich sein. Sadomasosex im Strenge-Kammer-Keller, unwirtlich neben dem Werkzeugkoffer, der vielleicht neuen Schwung ins Liebesspiel bringt. Liebe ist ein harter Stoff. Wer an Sprachkursen, Society-Fernsehen oder Malen und Anstreichen weniger interessiert ist, weiß das vielleicht auch, weil bei Rosamunde Pilcher gerade Gedeon Burkhard einen Gastauftritt hat.

Dass die kanadische Musikerin Leslie Feist ihr erstes Album nach sechsjähriger Veröffentlichungspause nun "Pleasure" (Universal Music) betitelt, ist vor diesem Hintergrund jedenfalls stimmig. Immerhin geht es auch darauf nur um sehr partielle Wohlfühlthemen wie, Zitat, "emotional limits . . . loneliness, private ritual, secrets, shame, mounting pressures, disconnect, tenderness, rejection, care and the lack thereof".

Weil sich Feist als mit ihren bevorzugt vor Emotion berstenden Songs schon immer als Beschallungsangebot für die Trennungs- und Sterbeszenen von Krankenhausserien erwiesen hat und sie sich im zwar sehr gelungenen, in seiner betonten Nähe zu PJ Harvey dann aber doch etwas langweiliger als das Original ausgefallenen Song "Century" mit Jarvis Cocker als Gast auch Gedanken über das Ins-Land-Ziehen der Jahre so ihre Gedanken macht, hier die Conclusio vorweg: Zeit vergeht, Gefühl besteht. Auch wenn sich die Ergebnisse heute angenehmerweise weniger betulich anhören als früher und Leslie Feist es nach dem relativ leichtfüßigen Pop von Hits wie "One Evening", "Mushaboom" oder "1234" aus ihrer Hochphase zwischen 2004 und 2007 oder dem von der US-Westküste um Big Sur esoterisch inspirierten Trennungsalbum "Metals" (2011) in der Mittelwahl jetzt reduzierter anlegt, wird doch abermals sehr um Fassung gerungen. Ein neuer Song heißt "Get Not High, Get Not Low". Das wäre für manche ein Ausdruck von Gleichgültigkeit. Für Leslie Feist hingegen ist es eine wichtige Hausaufgabe, deren Erledigung allen Beteiligten guttun sollte.

Lyrische Collage

Die gemeinsam mit ihren Verbündeten Mocky und Renaud LeTang produzierten und überwiegend live eingespielten elf neuen Songs gemeinden die Hörerschaft während dieser recht intimen 53 Spielminuten förmlich in den Aufnahmeprozess ein. Neben dem Verstärkerrauschen ist dafür auch der dezente Democharakter von Albumhöhepunkten wie "Lost Dreams" als Grund auszumachen. Beim sentimental-traurigen "I Wish I Didn’t Miss You" heult Leslie Feist an der Zupfgitarre und mit psychedelischen Verzerreffekten auf der Stimme den Mond an. "The Wind" kommt als lyrische Collage mit Bläserarrangements von Colin Stetson daher. Von "Metals" ist in den forcierten Momenten neben phrasierten Bluesriffs ein gelegentliches metallisches Scheppern und Rasseln geblieben.

Explizit positive Betrachtungen werden mit "Any Party" und dem Vintage-Lullaby "Young Up" geboten. Hier heißt es: "The end’s not coming. Fear not!" Weil das Album danach trotzdem vorbei ist, bereitet Fans vor allem noch eine Nachricht Vergnügen: Am von 20. bis 22. Juli in Wiesen stattfindenden "Out Of The Woods"-Festival kann man Feist als eine der heurigen Hauptattraktionen erleben.