Auf einem Rockfestival sind die Menschen ein offenes Buch. Entweder direkt auf der Haut oder auf dem T-Shirt prangt, was der modebewusste Rocker seiner Umwelt mitzuteilen hat. Ein Leiberl kann als Titel für den ganzen Mittwochabend gelten: "Angry music for happy people", stand auf einem Rücken geschrieben. Wer auf die burgenländischen Windparks zufährt, weiß, dass er der Sache näher kommt: am Mittwoch hat bei strahlendem Sonnenschein auf den staubigen Pannonia Fields bei Nickelsdorf das Nova Rock begonnen; heuer unter deutlich verschärften Sicherheitsvorkehrungen.

Am Eingang zum Festivalgelände werden Metalldetektoren eingesetzt, und Rucksäcke sind auf dem Gelände verboten. Die Security-Checks waren gründlich und wurden von den Besuchern ohne Murren hingenommen. Überhaupt sind am ersten Festivaltag alle noch ganz frisch und aufgeräumt. Ein Bananenkostüm, zwei Römer in Riemensandalen und ein paar Bademäntel sind an entrückten Outfits erst einmal alles. Der gerade angereiste Festivalgast läuft sich erst warm.

Am ersten Tag des Festivals findet das Line-Up vor allem auf der blauen Hauptbühne statt. Hier sorgen um 17 Uhr La Pegatina für ganz unrockige Abwechslung. Aus Barcelona kommend, legen sie auf ihrer Welttournee einen Stopp in Nickelsdorf ein und spielen Weltmusik unter Windrädern mit Akkordeon, Trompete und Schottenrock. Selbst launige Coverlieder wie "Quisás, Quisás, Quisás" machen sich gut auf der Rockbühne. Dafür entschuldigen sie sich fast: "Wir sind nicht wie die anderen Bands hier, wir sind nur Party." Macht aber nichts, Rockfans tanzen auch zu Salsa und Reggae. Dafür bedanken sich die acht Katalonier auch gleich brav: "Danke, dass ihr so aufgeschlossen seid." Bereits am ersten Tag wirft David "The Hoff" Hasselhoff mit seinem Late Night Special zum Abschluss Samstagnacht seinen Schatten voraus. La Pegatina feiern nicht nur ihr erstes Mal beim Nova Rock, sondern auch schon "unseren Freund David Hasselhoff".

Das Bier wird knapp

Damit man nicht vergisst, wo man ist, spielen Airbourne danach mit deutlich härteren Gitarrenriffs auf und erproben die Unsterblichkeit: "Solange wir am Leben sind und ihr am Leben seid, wird Rock’n’Roll nie wirklich sterben!" Spätestens jetzt ist der Platz vor der größten Bühne gut gefüllt und das Festival hat begonnen. Inzwischen nehmen Alkoholpegel und Sonnenbrand zu - Windräder werfen nur wenig Schatten. Als nächstes spielen Steel Panther aus Los Angeles, Zitat, "heavy fucking metal". Nachdem die Australier von Airbourne ernsthaften Rock’n’Roll betrieben haben, geht es bei ihnen spaßiger zu. Die drei durchaus grauen Herren von Steel Panther nehmen sich selbst nicht ganz so ernst. Leadsänger Michael Starr, der in Leoleggins auftritt, sieht gemeinsam mit seinen beiden Gitarristen Satchel und Lexxi Foxx aus, als würde Keith Richards‘ Figur aus "Fluch der Karibik" am Life Ball teilnehmen. Nachdem Satchels scheinbar mittourender Vater dessen Gitarre wieder auf Vordermann gebracht hat, lädt Starr zum Lied "17 Girls In A Row" (17 Mädchen nacheinander) alle Frauen auf die Bühne, zumindest solange sie "große Brüste haben und nicht schon beim letzten Mal mit uns im Bett waren". Während es auf der Bühne also hoch hergeht, steigt an den Bierständen der Unmut, weil die Zapfanlage nicht nachkommt, auch die Logistik scheint nicht ganz durchdacht. Dem Bierdurst der Menge könnte aber wohl auch die beste Abfertigung nicht Herr werden.

Linkin Park, weich geworden

Nach dem ironischen Glam-Rock von Steel Panther geht es bei Five Finger Death Punch wieder klassisch "heavy" zu. Ganz entgegen ihres Aussehens geben sich die US-Metaller aber schon fast sanft. Schließlich sei man hier eine große Familie. Nachdem das gesagt ist, brüllt das gesamte Festival ganz herzlich aus einer Kehle die Liedzeile "burn motherfucker, burn". Als es dann um 23 Uhr soweit ist und die sechs Kalifornier von Linkin Park die Bühne betreten, hüllt sich die Festival-Ebene in eine Wolke aus gelbem Staub. Kluge Festivalbesucher haben mit Tüchern vor Mund und Nase vorgesorgt. Ausgestattet mit ihrem neuen Album "One More Light" stimmen Linkin Park mit "Talking To Myself" oder der Single "Heavy" ganz unverhüllt poppigere Töne an. Das Publikum ist mäßig begeistert, erst bei alten Klassikern wie "Breaking The Habit" oder "Numb/Encore" kommt so richtig Stimmung auf. Die Lichtshow jedenfalls ist für die Ewigkeit - sie flimmert auf hunderten von Handydisplays, um sich am nächsten Morgen auf YouTube wieder zu finden.