Die Leidenschaft, die ihn einst in England für den Blues aus dem Mississippi-Delta erfasste, brennt bis heute in ihm: John Mayall, der Vater des weißen Blues, dessen Mundharmonikas früher bevorzugt in einem umgearbeiteten Patronengürtel steckten, ist selbst mit 83 Jahren unermüdlich. "Ich habe nie kommerzielle Kompromisse gemacht", so das Credo der britischen Blues-Legende aus Macclesfield, einer Kleinstadt nahe dem Industriezentrum Manchester. Die Liste der Bandmitglieder seiner "Bluesbreakers" in den 60er und 70er Jahren liest sich wie ein "Who is Who" der Rock-Geschichte: Eric Clapton, Peter Green, Mick Taylor und Ginger Baker. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über seine aktuelle CD "Talk about that" und den gesellschaftlichen Auftrag des Blues.

Immer noch neugierig: John Mayall. - © Forty Below Records
Immer noch neugierig: John Mayall. - © Forty Below Records

"Wiener Zeitung": Sie gelten als der Vater des weißen Blues. Mitte der 1960er Jahre trafen Sie John Lee Hooker, einen Ihrer Blues-Helden, und begleiteten ihn auf seiner Tour.

John Mayall: Er war der Erste, der nach England kam. Wir haben eine Menge von den alten Bluesmusikern gelernt. Besonders, was die Dynamik und Lautstärke anging. Alle englischen Bands spielten zu der Zeit einfach nur so laut, wie sie konnten. Die Bluesmänner fühlten sich damals fast wie Götter in Europa. Denn wir behandelten sie und ihre Musik mit Respekt, den sie im Amerika der Rassentrennung niemals erfuhren. Das war bei den Jazzgrößen, die nach Europa kamen, genauso. Schon mein Vater liebte Duke Ellington und Louis Armstrong. Er besaß eine große Sammlung von Jazzplatten. Interessanterweise war es vor allem der Jazztraditonalist Chris Barber, der mit seinem eigenen Geld die Anreise der Bluesmusiker wie Big Bill Broonzy, Sonny Terry & Brownie McGhee oder Louis Jordan bezahlte.

Mit dem Delta-Blues-Riesen Sonny Boy Williamson waren Sie auch befreundet.

Er war eines meiner Idole, was das Mundharmonika-Spiel betraf, zusammen mit Little Walter. Da ich auch akustisch spiele, wie Sonny es tat, habe ich mich gut mit ihm verstanden. Und das gelang nicht jedem. Weil er manchmal schon anstrengend sein konnte. Mich freilich hat er sogar in das Hohner-Harmonika-Hauptquartier in London mitgenommen. Er war sehr hilfsbereit.

Ihr Album mit Eric Clapton wurde ein derartiger Erfolg, dass in London erstmals das Graffiti auftauchte: "Clapton is God". Kurz danach gründete Clapton hinter Ihrem Rücken zusammen mit Jack Bruce und Ginger Baker das legendäre Trio "Cream". Wie reagierten Sie darauf?

Ich erfuhr davon aus der Zeitschrift "Melody Maker". Einer der Reporter war bei ihrer Session. Aber ich bin nicht nachtragend. Ich habe Eric das längst verziehen. Er war noch so jung, 19 Jahre, ein Teenager. Außerdem war es für mich keine allzu große Überraschung. Eric und Jack wollten einfach etwas anderes machen und Ginger Baker kam dazu. Als Bandleader war ich in der glücklichen Lage, mir jemand Neuen, mit dem ich spielen wollte, suchen zu könne. Ich fand immer einen Ersatz. Es gab stets genügend Musiker, die mit mir zusammenarbeiten wollten. Ich war nie eifersüchtig auf ihren Erfolg. Meine Unabhängigkeit ist mir wichtiger.

Zweifellos revolutionierte der Blues die Musikwelt nachhaltig. Welche Anziehungskraft hat er noch, wie relevant ist er heute?

Nun, Blues reflektiert im besten Sinn immer, was in der Welt um uns herum vorgeht, die gesellschaftlichen Strömungen. Ich denke, das ist es, was die Leute anspricht, wenn sie die Lieder hören. Die Texte und die Musik berühren die Menschen. Diese Tradition der großen Bluesmeister, wie JB Lenoir, der einen Protestsong gegen den Vietnamkrieg schrieb, möchte ich aufrechterhalten. Ich als Weißer kann natürlich nicht über Baumwollfelder singen, das ist nicht Teil meines kulturellen Erbes. In den 1970er Jahren habe ich mit "Nature Disappearing" bereits das Ausmaß unserer Umweltzerstörung aufgegriffen. Mein Song "The Devil Must Be Laughing" auf der neuen CD wendet sich gegen Kriegsfanatiker und Ungerechtigkeit.

Wie schaffen Sie auf einer langen Tournee wie dieser, Abend für Abend bei Ihren Stücken denselben emotionalen Elan zu haben?

Wir sind keine Popband. Wir spielen nicht bei jedem Auftritt das gleiche Repertoire. Blues hat auch viel mit Improvisation zu tun. Darin ähnelt er dem Jazz. Du hast deine Struktur des Stückes, ein Fundament und das variierst du je nach Stimmung. Die Idee dahinter ist, Musik zu produzieren, während du spielst. Ich ändere außerdem jedes Mal die Setlist mit den Songs. Einzig mein alter Hit "Room to move" mit seinen Beats kommt meist am Schluss.

Sie wirken mit Ihren 83 Jahren absolut agil. Was ist das Geheimnis?

Keine Ahnung. Ich habe einfach Glück gehabt. Ich mache gar nichts Besonderes. Lebe nicht übermäßig gesund, esse nichts Spezielles. Und mit Sport habe ich auch nichts im Sinn. Einzig als mein jüngster Sohn damals Baseballstar war, interessierte ich mich dafür. Aber es ist sicher ebenso eine Frage der Einstellung. Schon als ich mit den "Bluesbreakers" anfing, dachte ich nie daran, dass meine Musik nur ein vorübergehendes Ding sein könnte. Ich habe mir die ganzen Blues- und Jazzmusiker angesehen und festgestellt, dass sie einfach immer weitermachen, solange sie körperlich dazu fähig sind. Und je länger ich Blues spiele, umso tiefer tauche ich ein in dieses faszinierende Genre. Es ist wie ein Sog. Ich bin zwar alt, aber trotzdem immer noch neugierig.

John Mayall: "Talk About That"

Forty Below Records