Song Nummer eins endet mit einem der überzeugendsten und überzeugtesten "Oh yeahs", die einem 90-Jährigen in der Rockgeschichte jemals über die Lippen gekommen sein dürften. Song Nummer zwei beginnt mit einem einst von ebendiesem miterfundenen und später auch in besten Surfrockfamilien vorkommenden Gitarrenintro, das die Hörerschaft zur Reise mit der Zeitmaschine lädt und sie im Jahr 1955 wieder ausspuckt.

Pastellfarbene Cadillacs bevölkern die Straßen, Dwight D. Eisenhower ist US-Präsident, und aus den Bars, in denen Männer mit knielangen Sakkos (Slim Fit? Noch nie gehört!) ihren Bourbon nehmen, strömt Musik, die gerade erfunden wird. Die verzückt kreischende Jugend wird von dieser ganz wurlert und wucki, in den Augen der alten Menschen jedenfalls endgültig verrückt. Früher hätte es das nicht gegeben!

Alles hängt zusammen


Wir schreiben die Geburtsstunde des Rock’n’Roll, zu der Chuck Berry den Rhythm And Blues der Südstaaten als Urmaterial nimmt, ihn als Performer inszeniert (der Duck Walk!) und den Rockstar zwar als erratische Persönlichkeit anlegt, die Identifikation des Publikums mit Texten über Teenagerträume (Boys und Girls und schnelle Karren) und ein Kontrastmittel namens Teenageralltag (Schule, Eltern, alte Menschen) aber jederzeit mitermöglicht. Das wird nicht nur die Beach Boys "inspirieren", die ihren Hit "Surfin’ U.S.A." 1963 zunächst ohne Angabe von Credits beinahe eins zu eins von Chuck Berry übernehmen. Mit jungen Weißbroten von der anderen Seite des großen Teichs, die sich The Beatles oder The Rolling Stones nennen, sieht sich Berry bald auch von Adepten gecovert, für die er bereits als Enddreißiger zum Elder Statesman geworden ist.

Am Cover des nun posthum erschienenen letzten Albums, dem schlicht "Chuck" (Decca) betitelten ersten Werk Berrys seit 1979, sieht man den Rock-‘n‘-Roll-Pionier konsequenterweise also nicht nur in der von Keith Richards stibitzten Urpose mit der tiefhängenden Gitarre als Phallusverlängerung zwischen den Beinen. Man bekommt auch gleich zum Auftakt erklärt, warum die Rolling Stones schon früh so klangen, wie sie auf "Blue & Lonesome" von 2016 wieder oder noch immer klingen. Es gibt - neben dem Trinken von Bier und dem Gang zur Toilette - einen zweiten ewigen Kreislauf im Rock’n’Roll: Alles hängt mit allem zusammen. Keith Richards ist ein überlebensgroßer Fan von Chuck Berry.

Glücklicherweise kommt "Chuck" nicht als zusammengestoppelte Nachlassverwertung daher, sondern wurde von Chuck Berry zu Lebzeiten außer angekündigt, konzipiert und unter Zutun von Sohn Charles Jr., Tochter Ingrid, Enkelsohn Charles Berry III, seiner Blueberry Hill Band und mit recht zurückhaltenden Gästen wie Tom Morello (Rage Against The Machine, Audioslave) auch selbst produziert. Das garantiert, dass die Zeitmaschine den Faden dort aufnimmt, wo 1979 noch immer 1955 war. Die roh und rau gehaltenen, von einem wuchtigen Schlagzeug getragenen und mit Fingerübungen am Honky-Tonk-Klavier abgerundeten Songs pendeln zwischen Stromrockboogies mit schludrigen Riffs und sauber unsauber säbelnden Solos, Ramblern mit angezogener Handbremse und sanft torkelnden Sperrstundenballaden mit einer Todesahnung zum Abschied. Bei "Darlin‘" sinniert Chuck Berry über Erfolge und Tränen, das nahende Ende und die zu schnell vergehende Zeit, ehe ein Chor der Marke Erlösungsgospel auftaucht. Rührend auch, wenn sich der Mann im Alter von 90 Jahren (oder kurz davor) zurück in ein Kind verwandelt, das auch einmal Teil der "Big Boys" sein will.

Gut eingenebelt


Bei seinem live aus Countrystan gereichten "3/4 Time (Enchiladas)"-Cover erlaubt sich Chuck Berry außer einen schmutzigen Herrenwitz eine Erinnerung an seinen alten Ruf als schwarzer Hillbilly, nicht unbedingt aber daran, dass er irgendwann als fahrender Nostalgie-Act mit vor Ort gemieteten Bands und lustlos heruntergenudelten Tourkonzerten erheblich selbst an seinem Status sägte. Dazu kommt ein Sprechstück namens "Dutchman", die Fortsetzung der Rock-‘n‘-Roll-Initialzündung "Johnny B. Goode" als "Lady B. Goode" aus Frauenperspektive - sowie eine Exkursion zum "Jamaica Moon", hinter dem sich eine gut eingenebelte Version von "Havana Moon" aus 1956 versteckt, dessen Titel man auch als Konzert-DVD der Rolling Stones kennt. Wirklich alles hängt mit allem zusammen.

Das merkt man auch, wenn das finale Album von Chuck Berry am Ende beinahe gleich lang gedauert hat wie einst sein erstes. Es sind die letzten 34 Spielminuten einer bewegten Musikerkarriere, die sieben Jahrzehnte durchmessen hat.