Mit einer sympathischen Mischung aus Eleganz, Humor und Melancholie knüpft die 27-jährige US-Amerikanerin Cecile McLorin Salvant überzeugend an die großen Ladys des Jazzgesangs wie Billie Holiday oder Sarah Vaughan an. Als 17-Jährige zieht sie von Miami ins französische Aix-en-Provence, um politische Wissenschaft zu studieren - und klassischen Gesang. Die "Wiener Zeitung" traf die sympathische Chanteuse beim Internationalen Berner Jazzfestival.

Hatte keine Lust mehr auf die verwöhnten Kinder aus St. Tropez: Cécile McLorin Salvant. - © Mark Fitton
Hatte keine Lust mehr auf die verwöhnten Kinder aus St. Tropez: Cécile McLorin Salvant. - © Mark Fitton

"Wiener Zeitung": Sie haben zunächst klassischen Gesang studiert. Haben Sie jemals erwartet, einen Grammy für ein Jazz-Album zu gewinnen?

Cécile McLorin Salvant: Nein, wirklich nicht. Nicht einmal bevor ich begann, Jazz zu singen. Um ehrlich zu sein, träumte ich als kleines Mädchen davon, einen Oscar als Schauspielerin zu bekommen. Ich fand die wunderbaren Roben, die ganze Zeremonie einfach fantastisch. Das Schöne ist, dass ich jetzt bei meinen Auftritten die Elemente Drama und Theater verbinden kann. Ich kann mit meinen Songs Geschichten erzählen und Rollen spielen.

Wann haben Sie den Jazz entdeckt?

Meine Mutter und mein Großvater liebten Jazz. Mit 14 Jahren hörte ich zum ersten Mal bewusst Sarah Vaughn, obwohl ich damals noch mehr an klassischem Gesang interessiert war. Doch ihre Stimme faszinierte mich total. Als ich nach Frankreich ging und Jazzgesang anfing, war sie die Erste, die ich versuchte, zu kopieren.

Ursprünglich hatten Sie ja vor, politische Wissenschaft zu studieren...

Ja, ich wollte einfach weg aus Amerika. Ich war des Ganzen dort überdrüssig. Meine Großmutter lebt in der Nähe von Toulouse. Außerdem ist meine erste Sprache Französisch. Und so bin ich in Aix-en-Provence gelandet. Dort begann ich tatsächlich Kurse in Jus und politische Wissenschaft zu belegen. Gleichzeitig besuchte ich das Darius Milhaud Konservatorium, um weiter im klassischen Gesang voranzukommen. Meine Mutter überredete mich, die Jazzklasse anzuschauen. Und ich war begeistert. Denn die Leute dort waren cool. Ein totaler Unterschied zu den verwöhnten, arroganten Oberschichtkindern aus St. Tropez, die ich in meinen anderen Kursen traf.

Stört es Sie, wenn Sie heute mit Ikonen wie Ella Fitzgerald und Billy Holiday verglichen werden?

Nein, es ehrt mich eher. Denn natürlich höre ich mir diese großen Jazzladys an und versuche, sie bestmöglich zu interpretieren. Ich habe mir alle exzessiv angehört. Auch die frühen Bluessängerinnen komplett, wie Bessie Smith. Besonders die politische Art von Abbey Lincoln hat mich fasziniert.

Jazz hatte oft eine sozialkritische Dimension. Was halten Sie davon?

Protest zählt mit zu den Grundlagen des Jazz, der aus dem Blues entstand. Einer der bedeutendsten Protestsongs ist sicher "Strange Fruit". Dieses erschütternde, beklemmende Lied über rassistische Lynch-Justiz in den Südstaaten von Billy Holiday aus dem Jahr 1939. Das war der erste nicht erstickte Aufschrei gegen den Rassismus. Doch ich interessiere mich auch für afroamerikanische Künstler der sogenannten "Minstrel"-Shows, die mit schwarzgefärbtem Gesicht auf der Bühne standen, um zu singen. Wie etwa der fast in Vergessenheit geratene Superstar Bert Williams.

Haben Sie keine Angst, damit missverstanden zu werden? Denn ursprünglich waren das als Schwarze verkleidete Weiße, die unverhohlen rassistische Karikaturen auf US-amerikanischen "Südstaaten-Neger" vorführten.

Ich weiß, aber "Blackface Entertainer" einer versunkenen Vaudeville-Ära wie Williams haben das unterlaufen. Gegen alle rassistischen Barrieren hat er sich mit dem berühmten Song "Nobody", den ich in mein Repertoire aufgenommen habe, als einer der ersten afroamerikanischen Popstars durchgesetzt. In jener Zeit waren Schlager und Kabarett praktisch deckungsgleich. Sie sind auf hintersinnige Weise antiautoritär.

Auch die "ungekrönte Königin des Blues", Ida Cox, startete ihre Karriere in der "Rabbit Foot Company" einer Minstrel Show, die noch bis 1950 durch den Süden tourte.

Ja, sie schrieb damals schon als eine der wenigen Frauen ihre eigenen Lieder, etwa den Blues-Klassiker "Wild Women don’t have the Blues". Für mich als Feministin ist diese Hymne an Unabhängigkeit ihr wichtigster Song. Meine Freundinnen fragen oft: "Warum singst du nicht mehr feministische Lieder?" Aber es ist gar nicht so leicht, passende zu finden.

Beim Wiener Jazz Fest treten Sie als "The Leading Ladys" mit einer Frauenband auf. Wie sehen Sie die Rolle von Musikerinnen im Jazz?

Es ist nichts Radikales, Gleichheit im Jazz zu verlangen, wie überall sonst auch. Das ist das Mindeste, was ich als Sängerin tun kann. Es ist immer noch eine sehr männerdominierte Sparte. Sicher es geht voran, aber verdammt langsam. Überhaupt vermisse ich die Vielfalt, ob im Publikum oder auf der Bühne.

Billie Holiday fürchtete, dass Sarah Vaughan ihr den Erfolg streitig macht. Wie sieht es heute mit der Konkurrenz zwischen Frauen aus?

Das kann man nicht vergleichen. Jazz hat nicht mehr diesen Stellenwert wie damals. Deshalb existiert diese Konkurrenz so nicht mehr. Ich selbst habe viel Unterstützung erfahren, wie etwa von Dee Dee Bridgewater und natürlich auch Wynton Marsalis. Das ist wunderbar. Außerdem finde ich, dass Wettbewerb gefährlich ist. Konkurrenz führt weg vom eigentlichen Sinn der Musik. Für mich geht es nicht darum, besser zu sein als jemand anders. Jeder ist verschieden und hat spezielle Fähigkeiten. Es geht darum, herauszufinden, wer man ist und fähig zu sein, das auszudrücken.