Bei der Veröffentlichung des Debütalbums "Days Are Gone" von 2013 war es so, dass man alle Höhepunkte bereits kannte, weil das um seinen Sieg im Rahmen der "BBC Sound Of..."-Prognose des Jahrgangs quer durch die Blogosphäre gehypte kalifornische Schwesterntrio Haim so einiges an Vorlaufzeit irgendwie ausfüllen musste. Beim nun nach einer vierjährigen, mit ausgiebiger Konzerttätigkeit und dem Prokrastinieren hinsichtlich neuer Ideen überspielten Funkstille also doch noch erscheinenden Nachfolger konnte das nicht passieren. Vielleicht liegt es daran, dass bis auf die Auftaktsingle "Want You Back", das für die Radio-Promotion eingesetzte "Right Now" und den auf Bestellung für den Judd-Apatow- und Amy-Schumer-Film "Trainwreck" geschriebenen, in diesem dann aber doch nicht verwendeten Song "Little Of Your Love", Haims überraschende und definitiv nicht zwingende Hinwendung zu Retro-Soulpop, bisher nur drei Songs daraus bekannt waren. Wobei böse Zungen bezüglich dieses Sachverhalts heute schon auch eine Frage entgegnen dürfen: "Höhepunkte?"

Für "Something To Tell You" (Universal Music), dessen Titel sich nicht so recht erschließen will, weil uns Haim darauf sehr wenig zu sagen haben, wurde mit dem zuletzt für Depeche Mode engagierten James Ford ein Produzent des Erstlings ausgetauscht und mit Ariel Rechtshaid (Adele, Charli XCX) ein anderer beibehalten. Als Neuzugänge sind Rostam Batmanglij (ehemals Vampire Weekend) und Dev Hynes alias Blood Orange zu vermelden, und vor allem Letzterer passt gut ins Konzept von Haim, ihre Vintage-Vorliebe für Fleetwood Mac in der Buckingham/Nicks-Ära mit den elf neuen Songs hörbar auszubauen und verstärkt in den 80er Jahren fündig zu werden. Dort erinnern die auf Cheesiness gestimmten Keyboards gerne einmal an Olivia Newton-John, während die mit dramatischem Hall unterfütterten Tomtoms ihren Master in Phil Collins gemacht haben. Überhaupt wird das daraus geschöpfte Gepolter in Kombination mit funky Slapbässen als strapazierte Grundformel erklären, dass die Rhythmusgruppe bei Haim zum One-Trick-Ponytum neigt. Harmonisch ist ohnehin alles gut abgesteckt.

Die oft gehörten, sich verzehrenden "Oh, babys!" des Albums kennt man nicht zuletzt von Prince höchstpersönlich. Dieser wird mit einzelnen Songzeilen und Phrasen ("I was your lover, I was your friend") auch mehr oder weniger direkt zitiert. Die Schulterpolstrigkeit der Ergebnisse ist intendiert, der Unwille, die Hörerschaft zu überraschen, mit Haim als Haim-Coverband doch eher ernüchternd. Die Songs sind einmal besser, einmal schlechter und öfters eher egal.

Warum Sängerin Danielle Haim diesmal gar so sehr seufzt und säuselt, ist schnell erklärt. Den Texten zufolge gestaltet sich das Leben als ewige Abfolge aus Herzschmerz und Sehnsucht, die bedeutet, dass es schön ist mit "Oh, baby!" - oder alles sehr kompliziert. "Nothing’s Wrong" wiederum dürfte auch für die Sehnsucht heute junger Menschen danach stehen, dass alles wieder so gut wird, wie alte Menschen wissen, dass es nie war. Danach stimmt man in die vielen Stoßseufzer des Albums selber ein.