Ein Funken Hoffnung


Der ab den späteren 1960er Jahren mit schon damals nostalgischen Hits wie "Wichita Lineman", "Galveston" oder "Rhinestone Cowboy" an der Schwelle von Country, Pop und, wie man hierzulande sagen würde, Schlager bekannt gewordene US-Sänger Glen Campbell ist vor diesem Hintergrund ein eigenes Kapitel. Er hat der Welt im Jahr 2011 das erste Alzheimer-Album der Geschichte geschenkt. Auf "Ghost On The Canvas" ging es im Frühstadium seiner Krankheit neben dem Rückblick ("I’ve tried and I have failed, Lord. I’ve won and I have lost...") entsprechend auch um Schuld und Sühne, Erlösung und Verzeihung - und einen letzten Funken Hoffnung am Himmel. Immerhin befand sich Campbell zum Zeitpunkt der Diagnose auf dem Höhepunkt eines Comebacks, dem eine lange Zeit der Funkstille nach einer Phase der Kokain- und Alkoholabhängigkeit ab den 1980er Jahren vorausgegangen war. Zuvor hatte auch Glen Campbell sehr viel Gestern. Pophistorisch kann man den gefragten früheren Sessionmusiker auf zahlreichen Evergreens zwischen "I’m A Believer" von den Monkees oder "Strangers In The Night" von Frank Sinatra hören. Als Ersatzmann für Brian Wilson wiederum wurde Campbell 1965 für sechs Monate zum Beach Boy, der Fun, Fun, Fun und Surfer Girls mit Falsettstimme besang.

Eine Erinnerung


Mittlerweile lebt der heute 81-Jährige in einer Pflegeeinrichtung in Nashville und kann sich nicht nur daran nicht mehr erinnern. Er hat auch die Fähigkeit, zu sprechen oder Sprache zu verstehen, verlernt. Sein im Juni erschienenes letztes Album "Adiós" (Universal Music) wurde 2012 und 2013 im Anschluss an seine Farewell-Tour eingespielt und beinhaltet Songs seines alten Weggefährten Jimmy Webb und Coverversionen, die auf Campbells glatten Schmelz nicht verzichten, sich aber weitgehend bodenständig auf Zupfgitarren, Beserlschlagzeug, etwas Sperrstundenklavier und aufheulende Pedal-Steel-Gitarren konzentrieren. Willie Nelson schaut für seine nicht von ungefähr gewählte "Funny How Time Slips Away"-Interpretation vorbei. Bewegend wird es dort, wo sich Glen Campbell in "Arkansas Farmboy" 2012 noch an sein mittelloses Aufwachsen als siebtes von 12 Kindern und seine hart arbeitende Mutter erinnert - und eine Aufstiegsgeschichte erzählt, für die die Musik und eine Fünf-Dollar-Gitarre verantwortlich zeichnet, die er als Geschenk von seinem Opa bekam.

Das Leben ist vergänglich, die Musik bleibt. Am Ende steht ein letztes "Adiós", das nicht nur die 37 Spielminuten des Albums beschließt, sondern eine Karriere mit Höhen und Tiefen quer durch sechs Jahrzehnte.