Elektroakustische Streifzüge durchBlätter, Steine und Staub: Avey Tare fordert die Hörerschaft. - © Atiba Jefferson
Elektroakustische Streifzüge durchBlätter, Steine und Staub: Avey Tare fordert die Hörerschaft. - © Atiba Jefferson

Animal Collective waren oft und gerne eine ganz spezielle Herausforderung für die Nerven der Hörerschaft. Damit sind nicht etwa Prachtstücke wie "Cuckoo Cuckoo" mit ihren herrlich infernalischen Lärmpassagen gemeint. Vielmehr scheinen penetrante Endlosschleifen und ausdauerndes infantiles Gekreische lustvoll auf den Punkt zu zielen, wo selbst beim geeichten Hörer die Fassung zu erodieren beginnt. Dazu kommt eine extensiv zelebrierte Beach-Boys-Obsession, die sich klanglich so äußert, als würden deren Vocals aus Transistorradios gesampelt und hochgepitcht abgespielt.

Auf ihren Soloplatten gaben es die Protagonisten des vier- bis fünfköpfigen quasi-avantgardistischen Electronic-meets-Noise-meets-Psychedelia-Ensembles etwas verträglicher: Insbesondere Noah Lennox alias Panda Bear entfernte sich auf seinen LPs "Person Pitch" und "Tomboy" ziemlich weit aus den verwirbelten Wassern des Mutterschiffs.

David Portner aka Avey Tare, Autor der meisten Songs von Animal Collective, schien allerdings im Vergleich dazu zögerlicher. Mit seinen Slasher Flicks etwa lieferte er manch tollen Elektronik-Rock-Fetzer und auch eine durchaus überzeugende Deutung von Disco, konnte sich aber auch nicht ganz von den wiederholungszwanghaften Strukturen trennen, die jene leidige Anmutung erzeugen, der Sound grabe sich im Boden ein.

Aber! Hätte man nur geahnt, womit Portner nun auf seinem zweiten Soloalbum "Eucalyptus" daherkommt! Wir hören ein Hörspiel über die Natur, das Wirken der Zeit, das Werden und Vergehen von Beziehungen - oder, wie es die Plattenfirma Domino in passender Diktion nennt, einen elektroakustischen Streifzug durch Blätter, Steine und Staub.



Portner, der die akustische Gitarre und Zither-ähnliche Saiteninstrumente wie Santur und Autoharp bedient, fordert den Hörer auf das Brutalste: Unterstützt von seiner Ex-Lebensgefährtin Angel Deradoorian und ungefähr zehn weiteren Erfüllungsgehilfinnen und -gehilfen am Mikrofon und zwischen Trompete, Flügelhorn, Pedal-Steel-Gitarre, Flöte und Kamantsche mäandert - man möchte eigentlich eher sagen: taumelt - er über eine Stunde lang durch 15 Stücke, von denen allenfalls ein Drittel die Bezeichnung Song verdient. Weil Portner scheinbar jede halbe Minute eine Eingebung hatte, ändern die Tracks ständig ihre Texturen, Dynamik und Melodielinien.

Dabei verströmt das Ganze oft - wohl unbeabsichtigt - die angestrengt-konstruierte Aura der frühen Genesis, wo jedes Break, jeder trickreiche Akkordwechsel die Geschichte von ewig langem Tüfteln verrät. Es passt übrigens nicht schlecht dazu, dass Portners Stimme mehr als einmal - besonders in "Boat Race" - an Peter Gabriel erinnert. Aber es gibt auf "Eucalyptus" noch viel erlesenere Feinheiten zu "genießen": "Coral Lords", eines der Schlüsselstücke, das inhaltlich eine Analogie von Korallen zur modernen Technologie herstellt, endet mit einem Quäken, als würde ein Erwachsener ein Kind nachäffen.

Chaotische Collage

"Melody Unfair", schon per se ein begnadet strapaziöses Stück, wird von gurgelnden Vordergrund- und meckernden Hintergrundstimmen torpediert. "Selection Of A Place" ist von einer derart einschläfernden Monotonie, dass auch Wasserrauschen und die besagte Pedal-Steel-Gitarre kein Leben mehr hineinbringen. Und "Lunch Out Of Order Pt. 1" präsentiert sich als chaotische Collage aus Percussion, verschiedenen Instrumentalschnipseln, Gesangs- und Dialogfetzen, löst sich aber immerhin in einen nicht unhübschen zweiten Teil auf. Womit wir bei den Aktivposten dieser Platte wären - tatsächlich, die gibt’s auch: In "Jackson 5" gibt Portner mit verblüffender Leichtigkeit die Impersonifikation eines Chansonniers. "Roamer" ist eine Art Glam-Rock-Bastard in stimmlicher Nähe zu Marc Bolan. Unter Nachsicht aller Taxen kann noch "PJ", ein mit erstickter Stimme intonierter Song über einen verstorbenen Freund, emotional berühren.

Überhaupt, so anstrengend sich dieses Quasi-Konzeptalbum präsentiert, es bleibt schon auch "was hängen". Portner weiß ja im Prinzip, wie es geht. Er weiß halt auch nur zu gut, was gar nicht geht. Und macht just davon reichlich Gebrauch. Boshafter als zehn Affen, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt.