Händeringend

Mit schwarzem Hut existenzialistisch im Styling und von seiner dreiköpfigen Band unterstützt, klingt das vor einer hübschen Lichtshow mit einst auch in den 80er Jahren angesagten quietschbunten Neonröhren außer hip auch tatsächlich überzeugend. Sohns durch die Bank händeringende Lieder mit dramatischen Ausreißern noch weiter nach oben bei Songs wie "Hard Liquor" lassen gerade auch live in ihrer clublastigeren Deutung mehr Katharsis zu. Die Hits des Sets heißen "Artifice" und "The Wheel". Dazwischen gibt es interessante stilistische Brückenschläge. Der Song "Lights" beispielsweise mischt eine Art Bo-Diddley-Beat aus dem Laptop und den Klangteppich einer alten "Space Night"-Folge mit einem Hauch von Jimmy Somerville – nicht nur in Sachen Falsett.

Besteht nun zum Abschluss in Richtung Geisterstunde Leslie Feist aber tatsächlich auf "Pleasure"? Ja und nein. Die 41-jährige kanadische Sängerin und Songwriterin wird ihr reduziertes sehr gutes aktuelles Album mit dem Namen "Pleasure" mit ihrer dreiköpfigen Band live noch einmal reduzierter zwar zu großen Teilen zur Aufführung bringen. Weil es darauf – in den Worten Feists – dann aber eigentlich eh eher um Unwirtliches wie "emotional limits … loneliness, private ritual, secrets, shame, mounting pressures, disconnect, tenderness, rejection, care and the lack thereof" geht und die oft einmal still-verzagten, herbstlichen Lieder kein Stimmungsset für ein Festivalpublikum, das Hits hören will, ergeben, ist es mit dem Vergnügen aber auch hier so eine Sache.

Mit Vintage-Hall

Dass dabei zunächst in Zimmerlautstärke gespielt wird und das Publikum und der jetzt einsetzende Starkregen bereits lauter sind als die Musik, macht die Begegnung nicht einfacher. Leslie Feist ist zwar definitiv nicht Benjamin Clementine, sie erkundigt sich ob einer gewissen Zurückhaltung seitens der Hörerschaft aber schon, ob diese denn auch wirklich nicht nur körperlich anwesend, sondern auch emotional voll dabei sei, jetzt wo die Band doch extra den ganzen weiten Weg aus Kanada angereist ist?!

Nach dem verhuscht versemmelten "Get Not High, Get Not Low" wird es mit den zarten Stoßseufzern von "Lost Dreams" inniger, besser. Leslie Feist im pinken Feiertagskleidchen heult traurig den wegen der Wolken heute leider nicht sichtbaren Mond an. Vor schönem altem Verstärkerequipment setzt es bei "Any Party" live auch ohne Seemannsgesang Herzerwärmung und ein Gefühl des Zusammenhalts. Und nachdem sich Feist bei "Century" über das Verstreichen der Zeit so ihre Gedanken gemacht hat, erfährt der aktuelle Songzyklus nicht zuletzt bei "Young Up" sein Happy End: "The end’s not coming. Fear not!"

Live gibt es zusätzlich Geige. Leslie Feists mit Vintage-Hall belegte Stimme klingt unwirklich toll. Mit dem beschwingten, nicht zuletzt durch Nina Simone bekannten "Sea Lion Woman" dringt man später (endlich!) auch in Gefilde vor, in denen man einmal den Gedanken vergisst, Leslie Feist könnte auch eine gute Kindergartentante abgeben. Nach dem forcierteren "I Feel It All" klingt der Trennungswalzer von "Let It Die" dann nicht von ungefähr bereits ziemlich nach Sperrstunde.

Am Ende hat man gelernt, dass sich Feist noch an vergangene Konzerte in Wien erinnert, gegen das Heimweh trotzdem kurz an Kanada denken muss und heute zu längeren Outros neigt, die die Songs mit zarter Vögleinstimme sanft nach Hause bringen. Das passt. Etwas mehr Druck wäre manchmal aber auch nicht verkehrt.
Andreas Rauschal

BU: Sanft, zart und auf ihr neues Material fokussiert: Leslie Feist live in Wiesen.