Antrieblose Gesänge und Tempi bis an den Rand einer Erschöpfungsdepression: Besser einschlafen mit Lana Del Rey. - © Neil Krug
Antrieblose Gesänge und Tempi bis an den Rand einer Erschöpfungsdepression: Besser einschlafen mit Lana Del Rey. - © Neil Krug

Irgendwann noch relativ bald während dieses mit 72 Minuten doch recht üppig bemessenen bis in Zeiten der straffen Aufmerksamkeitsökonomie maßlosen Albums befürchtet man angesichts der durchwegs getragenen Tempi und des Gesangsstils der Vortragenden, Lana Del Rey könnte jetzt endgültig einschlafen. Du meine Güte, diese Stimme! Dieses nach der einen Valiumtablette zu viel klingende Seufzen, Säuseln und Hauchen und Wispern, das seinerseits auf eine Weise sediert, dass man selbst noch einmal ins Träumeland wegknickt. Diese vokale Übersetzung des Schlafzimmerblicks, den Lana Del Rey auf ungefähr jedem Foto bisher aufgesetzt hat und der vermutlich so verführerisch sein soll, wie er gelangweilt aussieht. Lange Weile, keine Eile, alles dämmert und schlummert, und die Songs ziehen gelassen an uns vorüber wie der Mississippi an den Baumwollfeldern des amerikanischen Südens. "Es genügt nicht, zum Fluss zu kommen mit dem Wunsch, Fische zu fangen. Man muss auch ein Netz mitbringen." Irgendetwas wird diese gute alte Weisheit aus China ("Konfuzius sagt!") bestimmt auch in Hinblick auf Lana Del Rey bedeuten, nur stellt sich, während die Gedanken noch einmal langsamer werden und träger und alles vor dem Auge verschwimmt, natürlich die Frage, was.

Rockstars zum Frühstück


Auf dem Cover, das die 32-jährige Sängerin erstaunlicherweise einmal breit lächelnd zeigt, steht "Lust For Life" (Universal Music) geschrieben. Die dazu so gar nicht passende, an Antriebslosigkeit bis an den Rand einer Erschöpfungsdepression grenzende Trägheit der Songs steht im scharfen Kontrast zur popkulturellen Erstassoziation des Titels, dem von Iggy Pop einst in seiner großen Zeit als Drogenpunk im Eigenfleischleiberl mit der scheinbaren Energie aller Amphetamine dieser Welt gegebenen Song gleichen Namens, der später für Danny Boyles Film "Trainspotting" wiederentdeckt wurde und sich hierzulande in Falcos "Der Kommissar" als Lebenslust übersetzt, die uns umbringt. Lana Del Rey hat unter den 16 neuen Stücken zwar auch eines mit dem Namen "Heroin" dabei, das uns irgendetwas über Drogen und Fame und vor allem auch die im Main-
streampop immens wichtige Celebrity-Droge Fame erzählen will, über die David Bowie ebenso gesungen hat wie Lady Gaga. Und während bei Stücken wie "Cherry", "White Mustang" oder "In My Feelings" mit gefährlichen Liebschaften und bei "13 Beaches" (Hilfe, die Paparazzi kommen!) und "Groupie Love" (Ich will keine Schokolade, ich will einen Rockstar zum Frühstück!) mit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten Celebrity-Themen altbewährte Kernsujets regieren, haben sich diesmal auch andere Agenden in die Erzählungen eingeschlichen.