Comic-haftes Bühnenmonster: Alice Cooper ist wieder da. - © R. Fenn
Comic-haftes Bühnenmonster: Alice Cooper ist wieder da. - © R. Fenn

Mehrere Biografien des früh verstorbenen Doors-Sängers Jim Morrison erwähnen in eigentümlich übereinstimmendem, wohl gegenseitigem Abschreiben geschuldetem Wortlaut, dass zu dessen Sauf-Entourage Ende der 60er Jahre "der damals eigentlich noch recht unbekannte" Alice Cooper gehörte. Hinter dem neckischen Modalpartikel lauert (unausgesprochen) die bevorstehende Wachablöse zweier Symbolfiguren, deren eine das scheidende und deren andere das kommende Jahrzehnt repräsentieren: Das verfallende Sex-Idol der 60er, das nach dem berüchtigten Miami-Incident nicht mehr viel mehr als ein nostalgisches Relikt war, und ein vermeintlicher Allerweltssänger, dessen ikonografisch inszeniertem Bild in Zeitungen, Magazinen und auf Plakaten man in den nächsten fünf Jahren nicht entkommen konnte.

In Zwangsjacke

Angeblich inspiriert von Filmen wie "Barbarella" und "Was geschah wirklich mit Baby Jane?", gab sich Alice Cooper mit schwarzem Make-up um die Augen und Mundwinkel sowie mit Lederhandschuhen und kniehohen Stiefeln als Comic-haftes Bühnenmonster, das sich guillotinieren, aufhängen, von Riesenschlangen einwickeln und in Zwangsjacken stecken ließ und bei der Exeku-
tion von Babypuppen viel Kunstblut verspritzte.

In der All- und Überpräsenz seines Schocker-Images wurde oft übersehen, dass Cooper die interessantesten Platten der frühen 70er Jahre machte: Sein erster Hit "I’m Eighteen" ist nicht weniger als das "My Generation" der 70er Jahre. Von einer ähnlich perspektivlosen Situation wie der Who-Klassiker ausgehend, sucht er die (Er-)Lösung nicht im frühen Tod, sondern in einer Immer-rein-mitten-ins-Gewühl-Haltung.

Etwas später kam mit "School’s Out" eine noch griffigere Hymne, die inhaltlich am Ende der 70er Jahre bei Pink Floyds Hit "Another Brick In The Wall" widerhallt. Cooper, am 4. Februar des Jahres 1948 als Vincent Furnier geboren, stammt aus Detroit. Wie die meisten weißen Musiker aus der Motorcity (The Stooges, MC 5, Bob Seger) war er früh einer harten

Spielart des Rock zugetan. Seine versierten Begleiter, die nicht so sehr durch instrumentale Virtuosität als vielmehr durch ein gut entwickeltes Gefühl für musikalische Dramaturgie, Spannung und Intensitätsverschiebungen bestachen, gaben der Musik aber eine größere Fallhöhe und stilistische Reichweite.

Grundsympathisch

Mitte der 70er Jahre löste sich die Band, die der Name Alice Cooper ursprünglich bezeichnet hatte, auf. Cooper brachte noch ein erfolgreiches Solodebüt mit der LP "Welcome To My Nightmare" und dem quasi-feministischen Hit "Only Women Bleed" heraus, dann ging es an das unvermeidliche Abtauchen und die ebenso unvermeidliche Wiederentdeckung durch eine nachgewachsene Generation von Hard-, Heavy- und Schock-Rock-Aficionados. Seit den 90er Jahren ist Alice Cooper wieder auf Achse und hat kleinere Hits wie "Hey Stoopid" oder "Poison" gelandet.

"Paranormal" ist nun sein erstes Album seit sechs Jahren und klingt, unter Mitwirkung von U2-Schlagzeuger Larry Mullen Jr., Deep-Purple-Bassist Roger Glover und Billy Gibbons von ZZ Top, deutlich nach dem Motto "Ich will es noch einmal wissen". Nicht dass man sich hier irgendwelcher besonders erfinderischer Kinkerlitzchen schuldig machte - Ansätze, Druck und Dynamik bleiben selten unbeeinträchtigt von ziemlich abgehalfterten Riffs. Daher ist das einzige wirklich überzeugende unter den zehn regulären Stücken eine Ballade ("The Sound Of A"), die sich ein wenig wie einige Demo-Tracks von Pink Floyds "The Wall" anhört und wo Cooper stimmlich - nicht zum ersten Mal - an John Lennon erinnert.

Trotzdem ist die Platte grundsympathisch. Denn etwas mehr zu sagen als die durchschnittliche Dumpfnuss von Rockstar hat Cooper schon: "Dead Flies" etwa nimmt die Internet- und Smartphone-"Kultur" auf eine recht spitze Schaufel. "Fireball" schildert ein apokalyptisches Traumszenario, das sich als real herausstellt; in "Dynamite Road" erweist er mit der Zeile "I love my car to death" seinem frühem Erfolgsalbum "Love It To Death" von 1971 ironisch Referenz.

Dem Album liegen auch zwei Bonusscheiben bei: Die erste vereint für zwei Tracks die originale Cooper-Band abzüglich des 1997 verstorbenen Lead-Gitarristen Glen Buxton. Und eine weitere Platte versammelt recht ordentliche Liveversionen von Cooper-Hits wie "No More Mr. Nice Guy", "Under My Wheels" und natürlich "School’s Out".