An Unkle erinnern könnte man sich vor allem über das ferne Jahr 1998, in dem es - dem Musikfernsehen sei Dank - an der Single "Rabbit In Your Headlights" und dem dazugehörigen Video von Jonathan Glazer kein Vorbeikommen gab. Alles daran war zappenduster und traurig und kalt. Zu zart-gedimmtem Barhockerklavier und dem allen Schmerz dieser Welt in sich vereinenden Gesang von Radiohead-Mann Thom Yorke wandelte darin ein geistig Verwirrter verloren murmelnd durch einen Tunnel, wo er von diversen Autos gerammt und zu Boden geschleudert wurde. Das war beklemmend - und neben herbstgrauen weiteren Beiträgen wie dem gleichfalls aus der Phase um das Debütalbum "Psyence Fiction" stammenden "Be There" sowie auch noch "Reign" von "Never, Never, Land" (2003) der Hit der britischen Produzentengemeinschaft.

Weit ausholend

Unkle wurden 1992 in London gegründet und blicken neben einigen Line-up-Wechseln auf Ursprünge zurück, die sich durch Mitgliedschaften von DJ Shadow und Tim Goldsworthy auszeichnen. Letzteren kennt man auch als Co-Gründer des nicht zuletzt auf Dance-Punk fokussierten und damit in den Nullerjahren hoch einfluss- und erfolgreichen New Yorker Labels DFA Records (LCD Soundsystem). Sich selbst treu geblieben sind Unkle über vier offizielle Studioalben bis hin zum bisher letzten Streich "Where Did The Night Fall" von 2010 im pfauenartigen Abstreifen diversester Soundkleider. Wie bereits das zwar im Trip-Hop wurzelnde, stilistisch aber weit ausholende und auch bei den Beastie Boys Anleihen nehmende erste Album bewies, zeigt auch die Liste der zahlreichen Gastvokalisten von Mark Hollis (Talk Talk), Richard Ashcroft (The Verve) und Ian Brown (The Stone Roses) über Josh Homme von den Queens Of The Stone Age, Brian Eno und Jarvis Cocker bis hin zu Ian Astbury von The Cult eine gewisse Bandbreite auf. Von Trip-Hop-Kollegen wie Robert "3D" Del Naja von Massive Attack, dem Mann, der vielleicht Banksy ist, einmal ganz abgesehen.

Dass sich die Dinge mit dem nun erscheinenden Comebackalbum "The Road: Part I" (Songs For The Def/Alive) hörbar verändert haben, liegt daran, dass - abgesehen von abermals zahlreichen Gaststimmen - James Lavelle das Projekt heute als künstlerischer Alleinverantwortlicher betreibt und die daraus gewonnenen Freiheiten für eine homogenere, in sich geschlossene Arbeit nützen wollte. Der auch diesmal wieder sehr filmischen Ergebnisse wegen (ein 2008 von Unkle veröffentlichtes Album hieß nicht von ungefähr "End Titles... Stories For Film") sei erwähnt, dass das Album nicht in Verbindung mit Cormac McCarthys post-apokalyptischem Vater-Sohn-Roman "The Road" von 2006 steht, der 2009 von John Hillcoat verfilmt wurde und einen Score von Nick Cave und Warren Ellis erhielt.

Mit Weggabelung

Lavelle kredenzt mit 15 Stücken inklusive diverser Interludes eine mit 57 Minuten nicht knapp gehaltene Reise, die in erster Linie durch Produzenten-Songwriting und ein organisches Setting zwischen Klavier, Gitarren und Streichern gekennzeichnet ist - und insofern überrascht, dass für die Elektronik heute lediglich eine Statistenrolle übrigbleibt. Wie es sich für so eine Straße gehört, die naturgemäß (und frei nach Ernst Jandl) "von von bis bis" führen wird und vielleicht einmal bei einer Weggabelung vorbeikommt, an der man jetzt auch nicht mehr weiter weiß, bleibt die emotionale Stimmungslage abwechslungsreich. "Farewell" spendet im innigen Gruppengesang Trost, spätestens bei "Cowboys Or Indians" geht das Licht aus, das Titelstück befreit sich mit aufgedrehten Stromgitarren und wuchtigen Drums aus der Umnachtung, und mit dem etwas soundtapetigen "Sunrise (Always Comes Around)" wird zumindest inhaltlich alles gut. Davor gefällt unter den Gästen nicht zuletzt der unter einer Angststörung leidende britische Musiker Keaton Henson, dessen Schwanen- und Schmerzensgesang bei "Sonata" und dem etwas zu dick auftragenden "Sick Lullaby" tatsächlich für Gänsehaut sorgt.

Ein weiterer Anschaffungsgrund des eher durchwachsenen Albums heißt Mark Lanegan. Mit dessen Jahrhundertstimme gerät "Looking For The Rain" zu einem lichtscheuen Highlight. Vielleicht hat James Lavelle ja doch Cormac McCarthy gelesen: "We’ll be sufferin’ here. In the blood, in the fear."