Dichte Wände aus Drums, dröhnenden Gitarren und expansiven Synthesizern: EMA 2017. - © A. Gordon
Dichte Wände aus Drums, dröhnenden Gitarren und expansiven Synthesizern: EMA 2017. - © A. Gordon

Es mutet fast an wie ein Virus: Dieser Tage häufen sich Werke, die wie eine Reaktion auf den Präsidenten der USA wirken, aber deutlich vor dessen Betreten der politischen Bühne entstanden sind. Colson Whitehead hätte sich für seinen aufwühlenden Sklaverei-Roman "The Underground Railroad" keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können als die Machtergreifung des Baumeisters, unter dessen Regierung rassistische Bemerkungen wieder zum guten Ton gehören. Geschrieben und veröffentlicht wurde das Buch aber, bevor Trump ins höchste Amt der weltgrößten Supermacht gewählt wurde.

Die Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin Erika M. Anderson nimmt auf der neuen LP ihres Künstler-Namens EMA, "Exile In The Outer Ring", jenes Amerika ins Visier, dem Trump die meisten seiner Anhänger verdankt: das ländliche Amerika, das sich von den Eliten übergangen und fast im Wortsinn ins Eck gedrängt fühlt. Was aber, erzählt Anderson im "Wiener Zeitung"-Interview, nicht als politisches Statement gedacht war: "Es geht um das Gefühl, ausgeschlossen, hinausgedrängt zu sein. Als ich schrieb, war das für mich eine eher persönliche Sache über Themen, die ich nicht häufig in den Medien vertreten sah. Es passierte erst im letzten Jahr, dass es in ein größeres politisches Bild zu passen begann." Der Titel "Exile In The Outer Ring" steht dabei für einen geografischen Platz ebenso wie für einen Zustand.

",The Outer Ring‘ ist ein Terminus, den ich erfunden habe", erklärt Anderson. "Es ist kein offizieller Ausdruck. Gemeint ist damit der Übergang zwischen der Stadt und dem Land. In Amerika werden Leute, die es sich nicht mehr leisten können, in den Stadtzen-tren zu leben, hinausgedrängt. Ich nehme das als den äußeren Ring wahr. Und dieser Bereich ist in vielen amerikanischen Städten ärmer und diversifizierter, als es die Stadtzentren sind. Ein Platz, wo sich die Weirdos ansiedeln und der nichts mit den klassischen Suburbs zu tun hat."

Anderson, 1982 in South Dakota geboren (und heute in Portland ansässig), betrachtet die Menschen im selbstdefinierten "Outer Ring" mit Mitgefühl. Dass ihr Zorn diese Menschen anfällig für Rattenfänger macht und sich oft gegen noch Ärmere und Ohnmächtigere richtet, bereitet ihr naturgemäß Unbehagen.

Mit "Aryan Nation", das bereits vor drei Jahren geschrieben wurde, benennt sie ein Extrem-
beispiel, wohin Unzufriedenheit "mit dem Establishment" führen kann. Zugleich stellt sie hier die Marginalisierten vor den Spiegel der Erfolgsmenschen: "Tell me stories of famous men / I can’t see myself in them / We could steal / We could steal / We could steal / But we’re stealing from them".

Anderson: "Ich denke, darauf können sich viele Menschen beziehen. Das Gefühl, nur dann vorwärts zu kommen, wenn man die krummen Wege dieser Leute mitgeht. Man stiehlt aus einer Kultur, die im Endeffekt ziemlich vergiftet ist."

Erika M. Anderson kommt im weitesten Sinne aus der experimentellen Noise-Ecke. Sie war Frontfrau der Drone-Rock-Band Gowns und davor sporadisch bei dem kaum kategorisierbaren, weil zwischen traditionellem Folk, Minimal Music, Jazz und Gitarren-Lärm à la Lou Reeds "Metal Machine Music" changierenden Projekt Amps for Christ. Seit 2010 agiert sie als EMA und hat das versammelt, was man eine Kult-Gefolgschaft nennt.

Ihr hübsches, Richtung Folk und Pop tendierendes 2014er-Album "The Future’s Void" signalisierte eine schüchterne Ambition, ein paar Jota Radikalität gegen ein paar zusätzliche Interessenten einzutauschen. Rudimente davon sind - im Opener "7 Years" und im eingängigen "Down And Out" - noch auf "Exile In The Outer Ring" auszumachen.

Was aber das Klangbild dominiert, sind dichte Wände aus heftigen Drums, dröhnenden Gitarren und expansiven Synthesizern, in denen es sich Andersons wandelbare Stimme wohnlich einzurichten versteht. Insbesondere das sechsminütige "Breathalyzer" baut sich schleichend zu einem machtvollen, insistenten, hypnotischen Industrial-Opus auf, bei dem die Synthesizer wie Sirenen aufheulen. "Leute haben mich gefragt", erzählt Anderson, "warum kannst du ,Breathalyzer‘ nicht auf drei Minuten kürzen? Ich musste ihnen sagen, ich habe es schon von 17 Minuten zusammengestaucht . . ."