Ehrgeizige Veteranen: Andy McCluskey (r.) und Paul Humphreys alias OMD. - © Mark McNulty
Ehrgeizige Veteranen: Andy McCluskey (r.) und Paul Humphreys alias OMD. - © Mark McNulty

Es ist ein bisschen paradox. Denn es ist nicht so, dass Orches-tral Manoeuvres In The Dark, deren Name im Alltagsgebrauch gerne auf OMD abgekürzt wird, keinen Erfolg und keine Anerkennung gefunden hätten. Zwei Tributalben an sie stehen für ihre historische Bedeutung. Einige ihrer LPs - wahlweise "Architecture & Morality" (1981) oder "Dazzle Ships" (1983) - werden unter den Alben geführt, die man vor dem Sterben oder wann immer gehört haben muss. Und Erfolg hatten sie sowieso. Schon ihre frühen (heute herrlich museal anmutenden) Singles "Electricity" und "Enola Gay" atmeten in den britischen Charts Höhenluft, die Ballade "Maid Of Orleans" war in Deutschland 1982 die meistverkaufte Single überhaupt.

Dass sie für solch einen schmierigen Dorfdisco-L’amour-Hatscher genauso gut waren wie für schroffe Klangbilder mit Collagen, fremdsprachigen Mediensamples und Statikgeräuschen, signifiziert allerdings auch die Schwierigkeit im Umgang mit dem Duo, das OMD im Kern immer waren: eine Hitband, die irgendwie auch Avantgarde sein wollte, das schürte einen gewissen Argwohn. Und obendrein standen ihnen dort, wo sie sich als Künstler in den späten 70er Jahren wegweisend positionieren wollten, nämlich in einem von konkreter Musik inspirierten elektronischem Pop, Kraftwerk (waren vorher da) und die frühen Human League (dichter, komplexer, zwingender) im Weg.

Ein Alleinstellungsmerkmal hatten OMD indessen tatsächlich: So schön heulen wie Andy McCluskey (z.B. in "Genetic Engineering") konnte im Elektronikfach kaum einer. Das gab der Musik eine gewisse Biegsamkeit, die bisweilen die Beschränkungen des Formats überspielen konnte. Allerdings war dieses sowieso keinem Reinheitsgebot unterworfen: Öfters griff McCluskey in die Basssaiten, auch echtes Schlagzeug kam zum Einsatz. Auf dem Album "The Pacific Age" von 1986 sind sogar E-Gitarren auszumachen und Arrangements auf orchestral getrimmt.

Comeback 2010

"The Pacific Age" war das letzte Album für lange Zeit, auf dem Sänger McCluskey mit Keyboarder Paul Humphreys kooperierte. Danach stieg Humphreys aus, angeblich weil er McCluskeys Weg in die Breite nicht mitgehen wollte. Die Platten, die OMD in der Folge unter McCluskeys Alleinherrschaft herausscheibten, geben ihm nicht unbedingt Unrecht: Wenngleich nicht wirklich schlecht, mangelt es ihnen an Kühnheit und dieser winzigen Dosis Hybris, die OMD um einen halben Kopf größer aussehen hatte lassen. Mochte McCluskey der wichtigere Songschreiber sein, der Soundarchitekt war Humphreys gewesen.

Man kann mittlerweile beruhigt annehmen, dass im Popbusiness Streithansln, sofern noch am Leben, irgendwann wieder zusammenfinden. So geschah es denn auch bei OMD - und es geschah, wie bei Comebacks von "Legenden" leider häufig, vor einer gleichgültigen Öffentlichkeit. Obendrein präsentierten sich McCluskey und Humphreys 2010 auf dem OMD-Reunion-Album "History Of Modern" wie gelehrige Schüler der Pet Shop Boys.

Mit dem neuen Album, "The Punishment Of Luxury", wollen es die Veteranen spürbar "noch einmal wissen". Das indiziert nicht allein der Aufwand, der zu seiner Promotion betrieben wurde, sondern auch, dass die Platte bruchlos an die große Phase des Duos anknüpft. Stellenweise klingen sogar Echos von früher durch .

Auch dass OMD immer ein paar Themen mehr auf dem Radar hatten als Liebeslust und -leid, manifestiert sich auf ihrem 13. Longplayer neuerlich. Der Titel und der gleichnamige Opener reflektieren den Fluch des Überflusses, die unersättliche Gier nach immer mehr. In "Precision & Decay" geht es vom "Highway of prosperity to collapse and dismay". Zweifel, ob uns der technologische Fortschritt wirklich das Leben erleichtert, und ein mehr als unterschwelliges Gefühl der Entfremdung ziehen sich durch die Inhalte, in konsequentem Elektronikdesign verklangbildlicht durch Feuerwaffensalven in "La Mitrailleuse" (französisch für Maschinengewehr), irrlichternde Synthiemotive, viel Sirren, Zwitschern, Knarzen, Brummen, Blubbern und manchen unruhigen rhythmischen Schub. Am Ende aber sediert McCluskeys Crooning in "The View From Here" das strapazierte Stimmungsbild.