Los Angeles/Washington D.C. Klingt komisch, ist aber so: Nimmt man von Ende der Sechziger bis Mitte der Siebzigerjahre die angelsächsischen Hitparaden als Maßstab für die weltweite Popularität eines musikalischen Genres her, fällt das Urteil aus heutiger Sicht so überraschend wie unzweideutig aus. Damals prägte eine ganze Generation von Bands einen Eklektizismus, der die Rockmusik in neue künstlerische Höhen treiben sollte und sich im Groben so zusammenfassen lässt: Musik zum Zuhören, nicht zum Tanzen; pompös, barock, voll von raumgreifenden klanglichen Ornamenten; Blasinstrumente quergeschnitten mit harten Gitarren, Jazz, Folk und/oder klassischer Musik; das alles übermalt von in der Regel hohen, mindestens aber seltsamen Männerstimmen. Einige Namen der bis heute bekanntesten Vertreter des Genres: Emerson, Lake and Palmer, King Crimson, Genesis, Jethro Tull, Soft Machine, Yes, Pink Floyd. In den USA ist jetzt ein Buch erschienen, dass sich erstmals der Geschichte dieses einst so populären, aber scheinbar gänzlich von der Bildfläche verschwundenen Genres annimmt: Progrock, kurz für Progressive Rock - wobei das "Fortschrittliche" nicht etwa auf die Politik gemünzt ist, sondern auf das Ausdehnen der Grenzen des seinerzeit rockmusikalisch Möglichen meint.

Dominante Musikrichtung

"The Show That Never Ends: The Rise and Fall of Progrock" (W.W. Norton, 26,95 Dollar) heißt das Werk von David Weigel. Vor fünf Jahren begann er für seinen damaligen Arbeitgeber, das Online-Magazin "Slate", erstmals eine Serie über Aufstieg und Fall dieser einst so dominanten wie obskuren Gattung zu schreiben. "Das gängige Narrativ ist, dass Popmusik in den Sechzigern großartig war und dann nur noch schlecht, bis der Punk das Ganze gerettet hat. Dem wollte ich bewusst etwas entgegensetzen", so Weigel. Nicht, dass alle Progrock-Superstars von einst das gleiche Schicksal wie ihr Genre erlitten hätten: Pink Floyd’s Roger Waters spielt bis heute ebenso vor ausverkauften Stadien wie die kanadischen Progrock-Urgesteine Rush, und auf die Konzerte der anlässlich des 50. Jahrestags ihrer Gründung wiedervereinigten Genesis freuen sich auch nicht wenige Menschen. Trotzdem scheint es aus heutiger Sicht (und ungeachtet der unbestrittenen Virtuosität von Gitarrenkünstlern wie King Crimson’s Robert Fripp oder Yes‘ Klavierarbeiter Rick Wakeman) nahezu unglaublich, wie dominant diese Musikrichtung einst war.