Jung und schön und stark: Gabi Delgado-López (r.) und Robert Görl alias DAF in den 80er Jahren. - © Sabine Raef
Jung und schön und stark: Gabi Delgado-López (r.) und Robert Görl alias DAF in den 80er Jahren. - © Sabine Raef

Es sind nur wenige Songs, die eine Hörerkarriere prägen - und zwar durch die Wucht, mit der sie uns unvorbereitet überfallen. "Der Mussolini" der Deutsch Amerikanischen Freundschaft (DAF) ist ein solches Musikstück. Der hypnotisch hämmernde Synthie-Rhythmus des Songs aus dem Jahr 1981 ist schon infektiös genug, doch wenn Gabi Delgado-López dann zu singen beginnt, wird erst recht klar, dass man hier ein Lied hört, wie es kein zweites gibt in der deutschsprachigen Musik: "Geh in die Knie! / Und klatsch in die Hände! / Beweg deine Hüften! / Und tanz den Mussolini!", lauten die gebellten Imperative.

Veritable Provokation

Damit gelang DAF nicht weniger als ein Lehrstück über die Verführungskraft des Faschismus. Denn wenn man sich willig tanzend zum elektronischen Marschrhythmus den Befehlen des Sängers gemäß bewegt, wird strukturell verständlich, warum sich die Generation der Großeltern der Attraktion faschistischer Ästhetik ergeben konnte.

Doch um den Song auf diese Weise selbstkritisch verstehen zu können, bedarf es einer gewissen Bereitschaft, sich nicht einer schablonenhaften Auffassung von Kunst zu bedienen. Denn, wie kaum erstaunlich, wurde "Der Mussolini" als veritable Provokation aufgefasst, teils sogar als unverhohlenes Plädoyer für die Nazi-Ideologie. Eine Wahrnehmungsweise, die DAF noch absichtlich beförderten durch weitere Zeilen wie "Und tanz den Adolf Hitler / Und tanz den Mussolini / Und jetzt den Jesus Christus / Und jetzt Kommunismus / Und jetzt den Mussolini / Und jetzt nach rechts / Und jetzt nach links".

Zugleich machten sie so für jeden, der denken kann, eindeutig klar, dass es in diesem Stück um eine grundsätzliche Ideologiekritik und die Austauschbarkeit aller Ideologien geht. Das war mutig, sowohl in künstlerischer wie politischer Hinsicht.



Zugleich konnte nie ein Zweifel daran bestehen, aus welcher politischen Ecke Robert Görl und Gastarbeitersohn Delgado-López kamen, machten sie doch aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis. Doch auch mit ihrem Styling aus schweißnassen, muskulösen Männerkörpern und Lederoutfits verwiesen sie erneut auf die merkwürdigen Überschneidungen zwischen nonkonformistischer Subkultur und faschistischer Ästhetik, die nicht in jedes selbstgerechte Weltbild passten. Damit nicht genug: Musikalisch korrespondierte mit den Coverporträts schwitzender Körper eine minimalistische Maschinenmusik, die DAF sich von Kraftwerk abgeschaut hatten - kalt und heiß zugleich. Mit dem Live-Drumming von Robert Görl war DAF eine Electropunk-Band, die zu den wesentlichen Urhebern und Vertretern der Electronic Body Music gehörte. Gerade die Kopplung von kühler Maschinenmusik und vollem Körpereinsatz seitens Görls wie auch von Delgado-López machte die Besonderheit der Bühnenshow von DAF aus, die am ehesten mit den genialen Suicide aus New York zu vergleichen war. DAF hingegen kamen aus Wuppertal, und wie ihre nordrhein-westfälischen Brüder der industriellen Volksmusik, Kraftwerk und Can also, galten sie in England stets mehr als in ihrer Heimat. Dort begann auch der kommer-zielle Durchbruch, den die nun auf dem Label Grönland Records erschienene CD-Box "Das ist DAF" unter zusätzlicher Beigabe neuer Remixes dokumentiert.

Von 1980 bis 1982 erscheinen in fiebernder Schnelle die vier Alben "Die Kleinen und die Bösen", "Alles ist gut", "Gold und Liebe" und "Für immer", mit denen DAF sich - für immer - in die Popgeschichte eingeschrieben haben.

Lustbetonte Posen

Parallel zu dieser Werkschau kommt zudem, quasi als Begleitbuch, im November ein von Rudi Esch und Miriam Spies herausgegebener, üppig ausgestatteter Prachtband (gleichfalls: "Das ist DAF"; Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin) auf den Markt, der die Geschichte der Band noch einmal in Texten und vor allem in Bildern vergegenwärtigt. "Ihr Erscheinungsbild verzückte Jungs und Mädchen. Ihr Spiegelbild verführte sie zu selbstverliebten Posen. Diese neuen Bilder des lustbetonten Popstars, der gleichermaßen nimmt und gibt und zwischen den Geschlechtern nicht mehr zu unterscheiden hat", schreibt Esch im Vorwort. Recht hat er. Zusammen mit der CD-Box ergibt sich quasi ein Doppelporträt des einzigartigen Duos.