John Maus, Musiker und Doktor der Politischen Philosophie. - © Luke Berhow
John Maus, Musiker und Doktor der Politischen Philosophie. - © Luke Berhow

Der Mann traut sich was. Oder scheißt sich nix, wie man bei uns sagt. Immerhin sind seit John Maus’ letztem regulärem Album, "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves", dem außertourlich eine "Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material" nachgeschoben wurde, sechs Jahre vergangen. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, hätte sich der heute 37-jährige Sänger, Songschreiber und Keyboarder aus Minnesota mit "We Must Become. . ." nicht vom Geheimtipp zum Fixstern im Indie- und Alternative-Kosmos gemausert. So ein Momentum einfach ungenutzt auslaufen zu lassen, grenzt an Fahrlässigkeit.

Nun, John Maus, sowieso als Intellektueller bekannt bzw. verschrien, machte zunächst einmal den Doktor in Politischer Philosophie. Zwei Jahre, so erzählte er unlängst dem "Deutschlandfunk", habe er die Musik völlig links liegen gelassen. Die nächsten zwei Jahre schrieb er wieder Songs, und zwar so viele, dass es nicht nur für das nun vorliegende neue Album, "Screen Memories", reichte, sondern auch für einen weiteren Longplayer, der nächstes Jahr herauskommen wird. Weitere zwei Jahre werkte er an den Songs herum, und dazwischen baute er modulare Synthesizer, also Maschinen, die aus einer Vielzahl von klangerzeugenden Komponenten (Modulen) bestehen.

"Screen Memories", auf dem Cover verbildlicht durch einen flimmernden Röhrenfernseher, konveniert schon formal fast aufdringlich mit dem Retro-Image, das Maus seit Beginn der Ewigkeit anhängt: Sein analoger Synthesizersound hat bei mehr als einem Rezensenten Erinnerungen an OMD, die frühen Depeche Mode und Human League (in der Hitphase) wachgerufen.

Dabei verbänden ihn, erzählte Maus einmal dem "Bomb Magazine", mit dieser Ära keinerlei bewussten Anknüpfungspunkte: "Es ist interessant, dass Leute sagen, John Maus klingt nach den 80ern, denn ich höre gar keine Musik aus den 80ern! Die ,80er‘ - dazu kam ich, weil ich Ariel Pink gehört habe. Sachen wie ,Young Pilot Astray‘, ,The Doldrums‘ und Ähnliches. Das war das erste Mal, dass ich einen Sound hörte, den ich selbst machen wollte."

Ohne dem "Retro-Chic" grundsätzlich zu entsagen - selbst eine schneidende Gitarre in "Find Out" entfernt sich mit ihren Anklängen an The Cure und die frühen Ultravox nicht aus dem Koordinatensystem der späten 70er und frühen 80er -, hat Maus mit "Screen Memories" einen kleinen Schritt vorwärts gemacht. Die Musik klingt im Vergleich zu früheren Werken wie "Love Is Real" von 2007 etwas produzierter, was wiederum seiner beachtlichen Begabung für einnehmende Melodien und dem Aufbau von Dynamik gut bekommt. Vor allem der Bass kommt akzentuierter, die Synthies klingen grosso modo nicht mehr gar so billig. Über Maus’ meist kürzelhafte Texte durfte man in Einzelfällen - siehe fragwürdige Provokationen wie "Cop Killer" - immer schon die Stirn runzeln, aber Stück für Stück kreieren sie doch eine ungemütliche Atmosphäre.

Bei "Screen Memories" ist das gewissermaßen Konzept, denn zentrales Thema ist die Apokalypse: "Mich fasziniert das Konzept vom Ende der Zeit, wie es immer wieder in der Vergangenheit überdacht wurde. Es geht irgendwie darum, an der Schwelle zur Ewigkeit zu sein: die Simultanität der Vergangenheit und Gegenwart in einem Instinkt".

Schon der Einstieg wird dem Endzeit-Thema auf fast programmatische Art gerecht: Während Maus mit seinem tiefen, frostigen Bariton lakonisch "I see the combine coming / it’s gonna dust us all to nothing" singt, lässt er als Backing sakrale Keyboards und einen feierlichen Chor auffahren. Ob übrigens mit "Combine" ein Mähdrescher oder ein Konzern gemeint ist, will Maus nicht erklären. "Walls Of Silence", mit treibendem Bass und einer Melodie, die entfernt an Joy Divisions "The Only Mistake" erinnert, formuliert einsilbig eine sinistre Suggestion: "The walls, the walls, the walls of silence, it’s written on the walls of silence, hey, hey" (das ist der ganze Text). Die "Edge Of Forever" ist das inhaltliche Leitmotiv des Albums, während "Pets" so scheinbar beiläufig wie schmerzhaft an die Hinfälligkeit allen Seins erinnert.