Für Sakamotos zwanzigstes Soloalbum müsste man eine eigene Kategorie erfinden, so sehr entzieht sich das Werk im Ganzen einer Einordnung. Es ist ein kontemplatives Hörstück voller wunderbarer Miniaturen. 2015 hatte Sakamoto im Übrigen bereits verkündet, dass es ihm wieder gut gehe. Andreas Walker

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Hätte der Americana-Alchemist Adam Granduciel mit seinen The War On Drugs heuer nicht den 11-Minuten-Jahrhundertsong "Thinking Of A Place" zusammengebraut, hätte ich mich (allenfalls bedrängt vom supergeilen "Amsterdam" der Briten Nothing But Thieves) wohl für "Sign Of The Times" von Harry Styles als Song des Jahres entschieden.

Was, der ehemalige One-Direction-Bubi? Ja, genau! Der mittlerweile 23-Jährige hat mit seinem selbstbetitelten Solo-Debütalbum (Smi Col/Sony) heuer ein erstaunlich reifes Werk abgeliefert, vollgesogen mit Rock- und Poptradi-tionen der letzten, sagen wir, gut fünf Jahrzehnte, über die er in - nochmals: erstaunlich - souveräner Manier verfügt. Manches könnte von Robert Plant sein, manches von Fleetwood Mac, anderes von McCartney oder den Stones; keinerlei Spuren von Boyband-Gesülze oder böllerndem Kindergeburtstag. Und "Sign Of The Times" (nein, an Prince sollte man dabei nicht denken) ist ein 5:40 Minuten langer, großartiger, melodramatischer Crooner-Song, wie ihn Robbie Williams in drei Leben so nicht zusammenbringt.

Gerald Schmickl

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Den Freunden von "Pitchfork" ist diese Band zu oberschlau: Ihr Name Trailer Trash Tracys, der ausufernde Eklektizismus, die etwas aufdringlich applizierten Verweise auf Sufi-Dichtung, Solfeggio-Frequenzen und ähnlich exotische Dinge mehr. Der Albumtitel "Althaea" (Domino) schließlich könnte eine Heilpflanze meinen oder die unglückliche Frau aus der griechischen Mythologie, die mit einem symbolischen Akt ihren Sohn zur Strecke bringt.

Komischerweise passen beide Deutungen zu dieser LP. "Betty’s Cavatina" oder "Eden Machine" wirken wie Balsam für überstrapazierte Nerven, während sich durch vertrackte Stücke wie "Gong Gardens" ein leichter Anhauch von Ungemach anschleicht. In ihrer Mischung aus Synthie-Pop, fernöstlichem Klang-Zierrat und einer gewissen Neigung zu Überspanntheit, entfernt den Magnetic Fields ähnlich, steht und fällt diese Musik mit der gleichermaßen träumerischen wie autoritativen Stimme der Sängerin Susanne Aztoria. Bruno Jaschke

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Tamara Lindeman aka The Weather Station beweist mit ihrem selbstbetitelten vierten Album (Paradise Of Bachelors), dass sie mehr kann, als der unvergleichlichen Joni Mitchell nachzueifern. Die Singer-Songwriterin aus Toronto changiert gekonnt zwischen einer introvertiert-verletzlichen und einer selbstbewusst-kraftvollen Seite; die Arrangements lassen ihrer virtuosen wie variantenreichen Stimme viel Raum und die Texte gleichen oft ausformulierten Erzählungen des Canadian Way of Life.

Musikalisch mäandern die Songs zwischen neoklassischem Folk, Americana und kraftvollem Folkrock, wobei akustische und elektrifizierte Teile geschmeidig ineinandergreifen. Lindeman beherrscht die große Kunst der differenzierten Töne und hat eine von musikalischer Schönheit, stimmlicher Anmut, femininer Kraft und narrativer Eloquenz geprägte Songkollektion vorgelegt, auf der kein einziger Song qualitativ abfällt. Heimo Mürzl