Glückssuche mit Funkgitarre: Tausendsassa David Byrne sucht neue Perspektiven. - © Jody Rogac
Glückssuche mit Funkgitarre: Tausendsassa David Byrne sucht neue Perspektiven. - © Jody Rogac

Gerade erst stand David Byrne der Sinn nach einer öffentlichen Entschuldigung. Ein latenter Shitstorm hatte sich zuvor angebahnt, weil sein nun vorliegendes neues Studioalbum "American Utopia" zwar in Zusammenarbeit mit zahlreichen musikalischen Partnern, allerdings ohne das Zutun auch nur einer einzigen Frau entstand. "Es ist hart zu realisieren, dass du - egal, wie viel Energie du aufwendest, die Welt in die hoffentlich richtige Richtung voranzutreiben - manchmal selbst Teil des Problems bist", so formulierte es Byrne in seinem Statement auf Facebook.

Die richtigen Fragen

Womöglich hatten die erwähnten Negativreaktionen den 65-jährigen politisch korrekten Radlfahrer auch in seinem gegenwärtigen Unterfangen gestört, einen positiven Blickwinkel auf die Welt und die Dinge zu richten und buchstäblich unbekümmert und fröhlich durch den Alltag zu gehen.

Der Mann mag einst mit dem vermutlich größten Hit seiner zwischen 1975 und 1991 betriebenen Band Talking Heads so heiter-mitsingtauglich wie nihilistisch die "Road To Nowhere" genommen haben, derzeit aber hält der Musiker im Rahmen eines gleichnamigen Projekts nicht von ungefähr auch die Vortragsreihe "Reasons To Be Cheerful" ab: David Byrne will endlich wieder das Gute ins Auge fassen und die Stimmungslage in einer Zeit des uns sehr, sehr leicht fallenden Pessimismus mit einem Gegengewicht ausbalancieren.

Naiv ist Byrne dabei nicht. In thematischem Querbezug etwa thront auch über seinem gerade in der Ära Trump alles andere als logisch betitelten Album etwa eine weitere diesbezügliche Krux. Sie lautet wie folgt: "What’s good, does that mean it’s right?"

Glücklicherweise informiert der gebürtige Schotte mit Wohnsitz in den USA und doppelter Staatsbürgerschaft bereits in den Liner-Notes, dass er - wie im Grunde wir alle - natürlich keine Antworten auf diese und ähnliche Fragestellungen zur Gegenwart im Angebot hat. Allerdings, und auch das legen seine Zeilen im Weiteren nahe, ist es schon einmal ein guter Anfang, die richtigen - oder überhaupt - Fragen zu stellen. Das ist heute in Zeiten der selbstüberzeugten und dabei selbstgefälligen Instant-Behauptung in der Social-Media-Echokammer unter sowieso Gleichgesinnten nicht nur nicht selbstverständlich - es ist die Ausnahme. Rufzeichen, nicht Fragezeichen regieren die Welt.

Im Schwebezustand

Dass David Byrnes Reflexionsfähigkeit auch mit einer Rolle als ewig Suchender einhergeht, ist bekannt. Er hat bereits mit den Talking Heads den Pop-Eklektizismus auf New-Wave-Basis ausgerufen, gemeinsam mit Brian Eno auf dem Album "My Life In The Bush Of Ghosts" 1981 Pionierleistungen des Sampling an der Schnittstelle von Funk, Elektronik und Worldbeat vollbracht - und neben Kompositionen für Film, Theater und Ballett auch Bücher und Kolumnen geschrieben, wenn er nicht gerade mit dem Designen öffentlicher Fahrradabstellplätze beschäftigt war.