Die Geschichte der Popmusik hat sich immer schon um konkrete Beschreibungen herumgedrückt. In den 80er Jahren pflegte Musik von forscher Gangart, die Gitarren und kleinere oder größere Dissonanzen aufwies, gerne als "klingt wie Velvet Underground" abgehandelt zu werden. In den 90er und Nullerjahren wurde wiederum alles, was mit raumgreifenden Ins-trumentalflächen und ein, zwei verbal schwer dingfest zu machenden Variablen auffuhr, als "Krautrock" kategorisiert.

Eine Art Ur-Punk

worden ist der Begriff Krautrock in England, wo in den frühen 70er Jahren einige der experimentellen deutschen Rock-Bands wie Faust, Tangerine Dream und Can ein teilweise enthusiastisches Publikum fanden. Der Begriff war, obwohl "Kraut" als Synonym für "deutsch" im Englischen einen despektierlichen Einschlag hat, ursprünglich nicht abwertend gemeint. Eine negative Konnotation erhielt der Terminus erst, als er in dem Land aufgegriffen wurde, dessen Musik er bezeichnete. Denn in Deutschland selbst wurde die Bezeichnung Krautrock als Eingeständnis popmusikalischer Rückwärtsgewandtheit verstanden. Für viele Experten repräsentierte sie eine klischeegerechte, "typisch deutsche" Spielart von Pop: verkopft, ambitiös, steif.

Die Pop-Historie aber rühmt Krautrock heute als aufregend, wagemutig, entdeckungs- und experimentierfreudig. Für den Liverpooler Pop-Exzentriker Julian Cope, der als Autor des Buchs "Krautrocksampler" einen nicht unwesentlichen Anteil an der Renaissance des Genres hat, ist diese Musik aus Deutschland Avantgarde und eine Art Ur-Punk: "Krautrock ist das, was Punk hätte sein können, wenn Johnny Rotten alleine das Sagen gehabt hätte - eine Art heidnische, gnostische LSD-,Erforsche den Gott in dir durch Schinden des Tiers in Dir‘-Odyssee".

Die widersprüchlichen Reaktionen auf das Phänomen Krautrock sind zum Teil auch einer begrifflichen Unschärfe geschuldet. Allein dem Wortteil "Rock" eignet in bestimmten Fällen eine absurde Komponente. Die bisweilen gepflegt langweiligen Synthesizer-Schwaden eines Klaus Schulze sind ebenso wenig "Rock" wie die spirituellen Werke des früh verstorbenen Florian Fricke und seiner Formation Popol Vuh. Zwar fand solch elektronisch generierte, mehr oder weniger meditativ veranlagte Musik dann kategorisch einen etwas treffenderen Umriss als "Kosmische Musik", aber Krautrock subsumierte auch Ausflüge in den Jazzrock (Kraan, Karthago), Hardrock (Birth Control) oder Art-Rock-Anmaßungen (Eloy). An die erinnert man sich heute freilich weniger als an Can, Neu!, Faust und natürlich auch Kraftwerk, deren grandiose ersten zwei Alben noch von organischer Anmutung sind.

Kniefall vor Altvorderen

Das Geniale wie auch so manches Fragwürdige - genau das transportiert das zum Teil mit Akteuren mit Beeinträchtigung agierende Ensemble Station 17 auf seinem neuen Album "Blick", das sich ausdrücklich als Hommage an den Krautrock verstanden wissen will. Auf dessen ehrwürdigen Prinzipien will die Platte aufgebaut haben: Keine festgelegten Strukturen sollten die Musik am freien Fluss hindern. Realisiert ist der Kniefall vor den großen Altvorderen mit einer einschlägig-illustren Gästeliste: Jean-Hervé Péron und Zappi Diermaier von Faust sind ebenso mit von der Partie wie der Produzent und Remixer Ulrich Schnauss und Geistesverwandte wie "Pyrolator" Kurt Dahlke, Andreas Dorau und Andreas Spechtl von Ja, Panik. Dirk Dresselhaus (Schneider TM) hat produziert.

Es liegt in der Natur solcher augenblicksbezogener, dem Ideal der Improvisation huldigender Projekte, dass sich ihre Beurteilung einem konventionellen Gut/Schlecht-Schema entzieht: Eher mühsame Tracks wie der Opener "Le cœur léger, le sentiment d’un travail bien fait" kon-trastieren zügige Pop-Quasihits wie "Schaust du" mit Andreas Dorau. Das stilistische Terrain ist, in guter Tradition von Bands wie Neu! oder La Düsseldorf, grundiert mit treibenden Basslinien, packenden Gitarrenläufen und expansiven Synthesizern. Dazu sorgt etwa ein herrlich blasierter Andreas Spechtl in "Dinge" für einen Höhepunkt: "Ich halt das aus, ich dreh mir eine Cigarette."