Chris Carter war immer das unscheinbarste Mitglied der Krach-Extremisten von Throbbing Gristle, zumal er noch weniger als seine Mitmusiker wie Genesis P-Orridge an Experimenten mit Drogen, Sex und den magischen Praktiken von Aleister Crowley interessiert war. Vielmehr war Carter der Mann für die Hardware: Er kannte sich bei Synthesizern aus und wusste, wie man ihnen jene verqueren Sounds entlockt, die die Basis für die Negativ-Ästhetik des Industrial lieferten.

Nach der Implosion von Throbbing Gristle tat er sich mit seiner Partnerin Cosey Fanni Tutti als Chris & Cosey (bzw. Carter Tutti) im Duo zusammen, um die radikalen Experimente in geordnetere, aber keineswegs ruhige Bahnen zu lenken. Dabei waren zwar die musikalischen Geniestreiche eher Ausnahme als Regel, aber die beiden Alben, die zuletzt unter dem Projekttitel Carter Tutti Void erschienen, sind einfach umwerfend.

Dasselbe darf man nun auch über Carters erstes Soloalbum seit neunzehn Jahren behaupten: Mit 25 Tracks von nur zwei bis drei Minuten Länge kommt es wie ein bunter Strauß der Möglichkeiten kontemporärer elektronischer Musik daher. Diese Strategie ist kein geringer Kunstgriff: Nie werden die Stücke dann doch mal zu lang, wie oft bei Chris & Cosey, sondern permanent folgen neue Ansätze aufeinander - luftige Ambient-hafte Skizzen auf dunkle Industrial-Stampfer, stimmungsvolle Soundtrack-Stücke auf hypnagogischen Grusel.

"Chemistry Lessons Volume One" nennt er diesen beeindrucken Überblick seiner Fähigkeiten, weshalb man rätseln darf, was die Referenz auf Chemie hier soll. Denn bei den analogen Synthesizer-Kunststücken Carters ist vielmehr ein nicht geringes Maß an akustischer Alchemie am Werk. Zusammengemischt ergibt das ein potentes musikalisches Gebräu, wobei zu hoffen wäre, dass angesichts der langen Wartezeit auf Carters Soloetüden baldmöglichst noch ein zweiter und gerne auch dritter Teil von selber Qualität nachgeschoben wird.