Die Zeiten, als aus Skandinavien weltweite Erfolgsacts kamen, deren Namen nur drei oder vier Buchstaben umfassten und jeweils mit A begannen und endeten, sind schon lange vorbei (obwohl Aha immer noch durch große Hallen touren. . .). Auch wenn es seitdem an den ganz großen Attraktionen fehlt, hat sich der europäische Norden doch als verlässlicher Garant für gehobenen Mainstream und interessanten Indie erwiesen, als Lieferant von Pop aus der zweiten Liga sozusagen, wie auch das erste Quartal des heurigen Jahres zeigt.

Band of Gold, ein Duo aus Norwegen, schließt am Nahtlosesten an die einstige Erfolgsformel an: "I Wanna Dance With You Again", der zweite Track ihres zweiten Albums, "Where’s The Magic", ginge auch heute noch locker als ABBA-Song durch. 80er-Anmutungen im Sound, aber auch die Stimme von Nina Elisabeth Mortvedt (die sich selbst zum Duo-Gesang verdoppelt) wecken buchstäblich goldige Erinnerungen. Das gilt für einige der höchst eingängigen Refrain-Songs, aber nicht fürs gesamte, betont heterogene Album, das auch mancherlei Artifizielles enthält. Der Titelsong etwa ist eine gelungene Mischung aus beidem.

Hey Elbow, ein Trio aus Schweden, legt es auf seinem ebenfalls zweiten Album, "C0C0C0", wesentlich breiter und melodramatischer an. Da werden mittels Elektronik, Trompeten, Signalhörnern, treibender Perkussion und der eindringlichen Stimme von Julia Ringdahl dichte, monumentale Walls Of Sound hochgezogen. Die ausladenden Stücke (13 an der Zahl) klingen allesamt leicht somnambul, etwas verhangen, mitunter alarmistisch, aber doch weitaus verträglicher als etwa die Schauerorgelei von Landsfrau Anna von Hausswolff (die in diesem Frühjahr ja auch mit einem weiteren Album herniederkam, "Dead Magic").

Gegen Ende zu wird’s bei Hey Elbow (nicht zu verwechseln mit ihren wesentlich bekannteren englischen Fast-Namensvettern) sehr getragen, ja nahezu schleppend, bis eine improvisierend-mäandernde Trompete ganz am Schluss, im siebenminütigen ". . .All Behind", auf einem einzigen Ton liegenbleibt, quasi dem finalen Orgelpunkt. Punkt.

Sehr hochgeschraubt werden Erwartungen, wenn von "Deerhunter meets Radiohead vibe" und "Sufjan Stevens Multiinstrumentalismus" die (P.R.-)Rede ist, wie beim neuen Album von The Radar Post, dem Solo-Projekt des Dänen Esben Svane. Selbstverständlich kann der diese Vorgaben (bis auf den generellen Multiinstrumentalismus) auf "A Good Adjustment To Reality" - der Titel weist den Weg - nicht erfüllen, aber es ist trotzdem eine feine Scheibe geworden. Die allzu großsprecherischen Vergleiche wollen ja auch nur darauf hinweisen, dass der Singer/Songwriter auf seinem zweiten Wurf dichtere musikalische Texturen verwendet, größere (Klang-)Räume öffnet - und diese mit mehr (Wider-)Hall versieht. Das tut er mit großem Animo, allerdings kleiner, bubenhaft-quengelnder Stimme, was den ambitionierten Anspruch bisweilen in vokale Schräglage bringt. Der herausragende Song ist "Lifeline", eine schmissige Hymne, in welcher Esben sein eigenes, dank Entzug mittlerweile überwundenes, nicht nur in Skandinavien, aber dort besonders bekanntes (Alkohol-)Problem erstaunlich harmonisch besingt.

Dass der Mississippi auch durch Schweden fließt, das hat Daniel Nordgren mit seinen eindringlichen Blues-Alben schon mehrfach hinlänglich bewiesen. Daniel Skoglund, der unter dem Projektnamen Songs of Boda auftritt, steht seinem Göteborger Landsmann, in dessen Formation er spielte (und dessen letzte Tour er als Support begleitete), darin in nichts nach, wie er nun auf seinem - nach einer EP - Debütalbum zeigt. Er legt seine Adaptionen der US-Tradition etwas breiter und folkiger an als der doch stets im Blues-Mantra verharrende Norgren. Manche der zehn Songs auf "Iago" kommen dylanesk zerrupft daher, manche laid-back verschlafen, andere in wagemutiger Mehrstimmen-Bauweise, bis sich schließlich alles Disparate zu einem Göttersong fügt und aufrichtet: "Over And Over Again" ist von einer Grandezza und akustisch-räumlichen Weite, wie man sie in dieser Güteklasse bisher nur von Ausnahmemusikern wie Adam Granduciel (The Drugs On War) oder Jonathan Wilson gehört hat. Zu diesem erlesenen Kreis darf man Daniel Skoglund hiermit - als kräftiges Nordlicht - nun wohl hinzurechnen.

Dass freilich nicht alles derart strahlt, was aus dem hohen Norden kommt, zeigt die norwegische Formation Death By Unga Bunga, eine Hau-Drauf-Combo, die ihr bereits zehnjähriges Bestehen heuer mit dem fünften Album, "So Far So Good So Cool", feiert - vermutlich ausgelassen skandinavisch. Live und promille-satt mag das auch als krachlederner Spaß durchgehen, auf Konserve klingt es allerdings genauso bescheuert wie der Name (von beidem, Band und Album). Wie hier elf Songs einfallslos zerdeppert und versemmelt werden, ist irgendwie auch schon wieder eine Kunst. Unga Bunga halt.