Stilistisch nach allen Seiten hin offen: Hearts Hearts um Sänger David Österle (2.v.l.). - © David Meran
Stilistisch nach allen Seiten hin offen: Hearts Hearts um Sänger David Österle (2.v.l.). - © David Meran

Kann Musik, die klingt wie . . ., groß sein? In ferner, nicht besonders großartiger Erinnerung sind Acts, die - Oberton für Oberton, Soundeffekt für Soundeffekt durchaus perfekt - Jimi Hendrix kopiert haben: Spirit, Mahogany Rush, Robin Trower. Interessant dagegen: El Vez, der als mexikanische Reinkarnation Elvis Presleys das Erbe des "King" für die hispanischen Communities in den USA adaptiert hat. Oder Icehouse aus Australien, die anfangs wegen der stimmlichen Ähnlichkeit ihres Songschreibers Iva Davies mit Bryan Ferry mehr als einmal mit Roxy Music verwechselt wurden.

Oder Peter Perrett, der englische Sänger und Gitarrist mit österreichischen Wurzeln und Ex-Leader von The Only Ones, deren frühe Demos der britische Starjournalist Nick Kent ernsthaft für verschollenes Material von Velvet Underground hielt.

Sorgfältig ausformuliert

Hearts Hearts klingen eklatant wie Alt-J. Das Besondere: Hearts Hearts sind Österreicher. Und das vergisst man während des Hörens permanent. Das liegt zunächst einmal daran, dass Sänger David Österle in keiner noch so feinen Nuance von Joe Newman zu unterscheiden ist. Kein Akzent, keine Eigenart in der Phrasierung will da Anhaltspunkte geben, um den Mann aus der vorarlbergerischen 1000-Seelen-Gemeinde Doren vom Kollegen aus der englischen Industriestadt Leeds zu distinguieren.

Nicht genug damit, ähneln sich die beiden Bands auch in der Anlage der Musik frappant. So wie Alt-J spielen Hearts Hearts einen ambitiösen, differenzierten, nach allen Seiten hin stilistisch offenen Art-Rock, der stellenweise, wenn gar zu introspektiv, durchaus einmal gepflegt langweilig sein kann, aber in die Vollen trifft, wenn der Aufbau von Konzentration und Dynamik funktioniert. Musik, die sich für ihre Entfaltung Zeit lässt. Hearts Hearts haben nach ihrem vielgelobten Debüt "Young" von 2015 nun ihre zweite LP, "Goods / Gods"(Tomlab), herausgebracht. Sie unterscheidet sich nicht dramatisch vom Vorgänger, muss das auch gar nicht, ist aber noch etwas sorgfältiger ausformuliert.

Von rhythmischen Akzenten wie Drum-’n’-Bass-Einflüssen über behutsame Balladen, tollen Effekten wie dem MG-Salven-artigen Intro zum exzellenten "Sugar / Money" bis zu jazzigen Einschüben in Stücken wie "To Have / To Be" ist alles gut austariert. Dass in jedem der elf Songs im Titel zwei meist gegenläufige, bisweilen aber auch sich ergänzende Begriffe durch einen Schrägstrich getrennt sind, symbolisiert auch inhaltlich Vielschichtigkeit.

Wenn Hearts Hearts schon eine Weile in der Szene aktiv sind, so ist Clara Humpel - nach Dienstjahren - fast schon als Veteranin zu bezeichnen. Seit Beginn des Jahrtausends hat sie mit ihrer Formation Alalie Lilt und im Anschluss unter ihrem ungleich bekannteren Pseudonym Clara Luzia alle Phasen des "Österreichischen Popwunders" begleitet und auf diesem Wege zahlreiche "Amadeus"-Trophäen abgeräumt.

Dass sie als Singer/Songwriterin ausschließlich englische Texte vorträgt, ist nicht etwa einer Grundsatzhaltung geschuldet, sondern dem Umstand, dass sie ihre Melodien eher lautmalerisch entwickelt und dafür eher das Angelsächsische geeignet ist.

Vage Versprechen

Auf ihrem neuen Album, "I Take Your Hand"(Asinella Records), erkundet sie den öffentlichen Raum: Die Straße als Ort der Begegnung, der als unterschwellige Bedrohung und Signal zum Rückzug in die Zweisamkeit verstanden wird, wenn er sich zur Ruhe begibt (und mit ihm die sozialen Kontrollinstanzen, die sein Leben regulieren). Dem Außen stellt Clara Luzia, mit weitem musikalischem Aktionsradius von heftigen Rockern über gedämpften Midtempo-Pop bis zu Zeitlupenballaden, ihr Innen entgegen: eine persönliche Standortbestimmung also.

Derlei philosophische Thematik ist noch nicht so ganz die Spielwiese des Quintetts Crush aus Graz. Ihr Ambiente ist eher die Hochschaubahn: Ein Ort des Spaßes - rasant, kurzweilig, mit einem vagen Versprechen von "Mehr" für ein vage definiertes "Später". "Sugarcoat"(Numavi Records), das Debütalbum der von drei Frauen dominierten Band, mutet an, als hätte man Blondie, Veronica Falls und Phil Spector vermengt und mit dickem Zuckerguss (siehe LP-Titel) eingelassen: Wir hören zehn gitarrengetriebene, großteils schnelle Stücke mit großen Melodien und kleinen Geschichten um emotionale und erotische Sehnsüchte. Selten passte der Terminus "Dreampop" so gut wie hier.