Die Frau auf der Bühne trägt den Helm von Asterix, dem Gallier, auf den eine blinkende Glühbirne montiert wurde, und stellt sich standesgemäß so vor: "I am not an entertainer. I am a messenger!" Die Heldin des frühen Vorabends zum Abschluss des ersten Donaufestivalwochenendes in Krems am Rande der schönen Wachau mag bürgerlich Susan Schneider heißen, ist einer eingeschworenen obskuren Gemeinde allerdings als Space Lady bekannt. "It is rather apparent that I am an old hippie from the sixties". Oh ja!

Die 70-Jährige mit der bewegend dünnen und reizend glockenhellen Vortragsstimme war einst Teil der Blumen-im-Haar-Bewegung in Kalifornien und kündet in vielleicht auch von Substanzen mitbeeinflussten Originalliedern wie "Synthesize Me" von ihrer heute retrofuturistischen Neuerfindung unter Miteinbeziehung eines billigen Casiotone-Keyboards seinerzeit in den 80er Jahren - so sie nicht über Pop-Klassiker mit Outer-Space-Bezug die Orbitreise antritt. "Starman" von David Bowie oder der alte NDW-Hit "Major Tom" von Peter Schelling stehen in der ehemaligen Minoritenkirche Krems/Stein auf dem Programm. Artfremderes Truckdriver-Material wie "Born To Be Wild" von Steppenwolf zwischendurch auch, weil es gut ist für den Widerstand gegen Normen. Frage nicht, die Space Lady, die auch noch zum Singalong lädt, hat Humor. Lustiger im buchstäblichen Sinn wird der Sonntagabend in Krems nicht mehr werden.

Musik wie eine Massenkarambolage

Im Anschluss etwa wird es bereits bei Venetian Snares x Daniel Lanois erstmals finster. Das Doppel, das diese Woche sein titelloses erstes Album veröffentlicht, setzt sich aus dem Breakcore-Innovator Aaron Funk und dem ehemaligen Produzenten von Acts wie U2 und Bob Dylan zusammen. Während Daniel Lanois seine Pedal-Steel-Gitarre durchaus geerdet zum Heulen bringt, bastelt Funk alias Venetian Snares dazu schwere Beatgewitter aus gehäckselten Sounds. Es klingt wie eine Massenkarambolage auf der A1 - oder rostige Eisentore, die man so lange spannt, bis alle Schrauben und Muttern aus den Löchern und gegen die nächste Stahltüre springen. Das ist toll. Es nützt sich nur leider nach einer Viertelstunde bereits ziemlich ab.

Gestärkt durch ein Schnitzelsemmerl, den nun auch um ein unvermeidliches Burger-Menü ergänzten eigentlichen Catering-Klassiker am Donaufestival (sofern es bitteschön um feste Nahrung geht), legt es Puce Mary in ihrem kürzer geplanten Set zwingender und wirkungsvoll intensiver an. Die gebürtige Dänin liefert gerne auf einem Grundton verharrenden, stoisch pochenden, pumpenden und dabei schwer in seinen Sog ziehenden Ambient-Noise, der gerne von Störsounds durchbrochen wird und erst live zur vollen Form aufläuft. Von hinter der Schaltkanzel her gibt es dazu einen womöglich auch in der Tradition von Anne Clarke ("Sleeper In Metropolis") stehenden Vokalvortrag, der aber bevorzugt im Hintergrund bis unverständlich, also jedenfalls rätselhaft bleibt.

Kleiner Tod des Teufels

Ein Song von Puce Mary heißt übrigens "Slow Agony Of A Dying Orgasm", was perfekt zu Gravetemple passt, die ihr Set im Anschluss offenbar mit der Vertonung des letzten kleinen Todes des Teufels eröffnen - oder unter Anführerschaft des vokalen ungarischen Extremperformers Attila Csihar (heute dann aber eh ohne Leichenschminke) einen Lustmörder bei der Arbeit porträtieren. Die von Stephen O'Malley von Sunn O))) und dem Multiinstrumentalisten Oren Ambarchi komplettierte Drone-Metal-Band bringt den Stadtsaal bei zunehmend infernalischer Lautstärke weit über der Hörsturzgrenze zum Glühen. Musik, die mit Schallwellen Bauch und Füße massiert, die Hose flattern lässt und uns die Frisur aufstellt. Eine Höllenfahrt mit zeitlos zerdehnten Gitarrentönen in grabestiefer Stimmung, die in ihrem Jenseitsbezug nicht zuletzt das Festivalmotto "Endlose Gegenwart" Lügen straft: Die Gegenwart endet hier. Letzter Herzschlag. Licht aus.

Nur mit dem Schönheitsfehler, dass im Anschluss noch der US-Saxofonist Colin Stetson und sein mit Liturgy-Schlagzeuger Greg Fox betriebenes Projekt Ex Eye den Defibrillator anwerfen und mit der Wiederbelebung beginnen. Im größten vorstellbaren Kontrast zur Zeitlupen- und Verharrungsmusik der Ton-Minimalisten Gravetemple geht es hier um die meisten Töne in der wenigsten Zeit - und um Highspeed-Spiele am Rande zum Hochleistungssport. Man bewegt sich zwischen Post-Metal und Jazz-Einfluss (was die freien Bläser und die besagten vielen Töne betrifft), setzt neben Post-Rock-Elementen aber gerade auch live auf aufgeriebene Math-Rock-Präzision und -Hektik plus einmal Frickelelektronik extra.

Kathartisch mit Schnappatmung, obwohl zum Luftholen sowieso keine Zeit bleibt, endet ein anstrengender Festivaltag mit einem fordernden Finale. Wer morgen frei hat, ist entschieden im Vorteil.