Ein Huhn hat derzeit die besten Chancen. Also kein echtes Huhn, aber ein Gegacker. Das ist nämlich ein wesentliches Element im israelischen Beitrag "Toy". Der stammt von Netta Barzilai, einer so üppigen wie gutgelaunten Talentshow-Gewinnerin, die meist an ihrem kleinen DJ-Knöpfepult zu erkennen ist. Damit machte sie sich in der israelischen Variante von "Rising Star" etwa Dr. Albans 90er-Eurodance-Stampfer "Sing Hallelujah" auf fabulöse Weise zu eigen. Mit ihrem Lied für den Song Contest in Lissabon sehen sie die Buchmacher momentan auf Platz eins. Und das nicht ohne Grund: Das Eurovision-Publikum liebt unkonventionelle Protagonisten, und dass der Party-Rhythmus mit einer Botschaft - Frauen sollen sich nichts gefallen lassen von Männern - verknüpft ist, kann auch kein Nachteil sein.

Netta tritt am Dienstag im ersten Semifinale an - es ist davon auszugehen, dass sie ins Finale gewählt wird. Also schon ein Finalplatz (von zehn) weniger, der für Österreich zur Verfügung steht. Der gebürtige Linzer Cesar Sampson versucht heute mit Startnummer 13 sein Glück. Seine Chancen mit dem R’n’B-Pop-Hybrid "Nobody but you" stehen laut Wettquoten aber gar nicht so schlecht. Das könnte an dem diskreten, aber nachhaltigen Ohrwurm-Charakter des an sich unspektakulären Liedes liegen. Die Buchmacher setzen ihn im Semifinale auf Platz sieben, im Omen-Ranking der gesamten 43 Songs findet sich Österreich momentan auf Platz 19.

Sampson kann außerdem mit etwas aufwarten, was nicht jeder der Teilnehmer kann: Auf einschlägigen Fanblogs findet er sich in den Top Ten der "heißesten Typen" des Song Contests 2018. Die führt wiederum der Tscheche Mikolas Josef an, der mit einer flotten Justin-Timberlake-Swingpop-Nummer mit fidelem Trompetensolo antritt und Sampson den nächsten Finalplatz im Halbfinale abspenstig machen wird. Von den beiden Timberlakiaden dieses Song Contests ist der tschechische der sympathischere - denn auch Schweden setzt heuer auf dieses Konzept und wird beim zweiten Semifinale am Donnerstag recht wahrscheinlich damit reüssieren.

Ödpop und bizarre Arien

Aus dem üblichen Einerlei sticht heuer Australien, der wohl bekannteste Nicht-Europäer des Eurovision Song Contests, einmal nicht heraus - es gibt Ödpop vom Drögesten. Allein von der Formation fällt Spanien aus der Reihe: Mann-Frau-Schmachtduette sind selten geworden. Gewonnen hat ein solches aber zuletzt auch schon wieder vor sieben Jahren (Aserbaidschan). Musikalisch ragen die Niederlande heraus, die eine veritable Rocknummer nach Lissabon schicken. Inhaltlich haben die Italiener, nach dem Gorilla-Spaß des letzten Jahres, ein für die dezidiert unpolitische Veranstaltung grenzwertig engagiertes Lied zu bieten. Den Vogel an Extravaganz schießt aber sicher Estland ab mit einer bizarren Arie.

Apropos Politik: Eine Frau hätte schon vergangenes Jahr auftreten sollen, das Auftrittsverbot, das die Ukraine der Russin Julia Samoylova erteilt hatte, führte zu erheblichen Verstimmungen am Rande des einst als völkerverbindendes Event erfundenen Wettbewerbs. Sie singt am Donnerstag um ein Leiberl, genauso wie ein weiteres bekanntes Gesicht: Alexander Rybak. Gewinn schützt vor Semifinale nicht: Auch wenn er 2009 schon einmal den Sieg nach Norwegen geholt hat, muss er nun wieder ganz unten anfangen.

Am letzten Platz sehen die Buchmacher übrigens - nein, nicht Deutschland - sondern San Marino. Erstmals seit ewig hat nicht Stammkomponist Ralph Siegel den Beitrag beigesteuert. Sondern zwei andere hierzulande bekannte Namen: Christof und Zoe Straub, bekanntlich für Österreich beim Contest 2016. San Marino muss aber nicht französisch singen.