Wien. Von ordentlichem Showbiz-Pathos hält der Mann offensichtlich nichts. Bereits ganz am Anfang seines netto eindreiviertelstündigen Sets in der gut gefüllten Halle F der Wiener Stadthalle verkochte Kris Kristofferson seinen größten "Hit" "Me And Bobby McGee". Und dieser dramaturgische Regelverstoß war so was von egal, dass er nicht einmal richtig auffiel.

Das Vokabel "Hit" passt a priori nicht zu einem Künstler mit einem Werkkatalog von ca. 30 LPs, der sich als Hubschrauberpilot, Bodenwischer, Boxer und Rugbyspieler verdingte, ehe er sich einen Namen als Country-Komponist und Sänger machte und eine veritable Karriere als Schauspieler hinlegte. "Klassiker" trifft es weit eher.

Mit Widerständigkeit infiltriert

Kristofferson, der mit Johnny Cash, Willie Nelson und Waylon Jennings das Country-Genre von Heim-und-Herd-Seligkeit befreit und mit Widerständigkeit infiltriert hat, führt deren mehrere Dutzend im Repertoire; praktisch jeder Song in der Halle F ist ein Hit und wird mit Erkennungsapplaus begrüßt: "Help Me Make It Through The Night", "Broken Freedom Song", "Duvalier´s Dream", "Loving Her Was Easier", "The Pilgrim", "Jesus Was A Capricorn", "For The Good Times", "Please Don´t Tell Me How The Story Ends".

Zum anderen aber ist ein Kristofferson-Konzert weniger ein Lieder-Abend als eine große Erzählung. Sie handelt von Männern, die "next to nothing" vom Leben erwarten wie der verbitterte Duvalier, der die Menschen meidet und die Nacht herbeisehnt, die ihren Anblick tilgt. Von Enttäuschten, Desillusionierten, Glücklosen. Von Hasardeuren und Desperados. Von Trinkern und Einsamen. Von Beziehungen und Affären, die man - mögen sie Gutes bringen oder nicht - eingeht, um sich über Leere und Trostlosigkeit hinwegzuretten.

Erzählung vom Abschiednehmen

Ein Teil dieser Erzählung handelt auch vom Abschiednehmen: Im Titelsong seines letzten regulären Albums "Feeling Mortal" bekundet Kristofferson - ähnlich eindrucksvoll wie Leonard Cohen in "You Want It Darker" - das Wissen um die Finalität und die Bereitschaft zu gehen. Es ist dieser Teil, für den Kris Kristofferson gewissermaßen in der ersten Person einsteht. Nicht so sehr was seine optische Anmutung angeht: ohne Spur von Gebrechlichkeit und rundweg "gut erhalten" agiert er an der Rampe und bedient seine Gitarre. Aber seine Stimme, heiser und brüchig geworden, legt Zeugnis ab von bald 82 Jahren Lebensweisheit und einer ansehnlichen Vita aus Suchtproblemen, Krisen und Krankheiten.

Erschütterungen spüren zu lassen, ohne sie dabei auszustellen, gibt Kristoffersons Vortrag etwas höchst Ergreifendes. Das lässt es denn auch leicht verschmerzen, dass der musikalischen Performance eine gewisse Gleichförmigkeit eignet: Stets in gemächlichem Tempo zelebrierten Kristofferson und seine Begleiter – ein Keyboarder, der sein Enkel hätte sein können, ein beleibter, phlegmatisch wirkender Drummer und der Geiger Scott Joss - einen kaum je variierten Country-Shuffle.

"Es sei ihm verziehen"

Da tat es ganz gut, dass Kristofferson ein paar Mal Joss das Mikro überließ. Dieser setzte mit seiner klaren, klassischen Country-Stimme nicht nur einen Kontrast zum Hauptakteur, sondern pflegte auch beim Singen lustig mit dem Geigenbogen zu gestikulieren und ähnelte dabei einem mit dem Staberl herumfuchtelnden Lehrer von früher.

Die größtenteils betagteren Konzert-Besucher waren es jedenfalls durch und durch zufrieden und räumten anstandslos die Halle, als klar war, dass die heftig reklamierte Zugabe nicht stattfinden würde. "Es sei ihm verziehen, in diesem Alter…" sagte eine auch schon etwas reifere Dame.