Die "Mona Lisa". Das ist dieses sehr, sehr berühmte Bild, das die meisten Menschen, die im Pariser Louvre waren, nur hinter einer Wand aus Handys und Hinterköpfen kennen. Alle jene können sich jetzt auf eine Museumsführung der speziellen Art mitnehmen lassen - und zwar von Popstar Beyoncé und ihrem Ehemann Jay-Z. Unter dem Künstlernamen The Carters haben die beiden überraschend ein gemeinsames Album veröffentlicht. Und dazu gleich auch ein - wie üblich bei Beyoncé - spektakuläres Musikvideo. Das spielt also im Louvre und kann als ausgesprochen hochglänzender Werbespot für das Museum bewertet werden. Immerhin spielen prominente Exponate eine wichtige Rolle: Beyoncé tanzt vor Jacques-Louis Davids Gemälde "Die Krönung Napoleons", Jay-Z posiert vor dem "Floß der Medusa". Das Video ist eine Fundgrube für interpretationswillige Popkulturbeobachter mit kunsthistorischer Vorbelastung.

Ehekrisenbetrachtung

Dabei ist das Album "Everything is Love" von The Carters in erster Linie einmal eines: die neueste Folge in der Soap-Opera über das berühmteste Ehepaar des Musikgeschäfts. Beyoncé hat in ihrem letzten Album "Lemonade" relativ unverschlüsselt - und von ihrer Gefolgschaft daher recht ausführlich diskutiert - eine Affäre ihres Mannes besungen. Der Rapper Jay-Z hat dann in seinem Album "4:44" auf diese Ehekrisenbetrachtung reagiert und sogar auf einzelne Zeilen in Beyoncés Songs geantwortet. Dann kam Beyoncé - nicht ohne sich zuvor madonnenhaft und blumenbekränzt als Übermutter auf Sozialen Medien zu inszenieren - mit gemeinsamen Zwillingen nieder, was für eine Versöhnung im Hause Carter sprach. Wie auch die gemeinsame Tour "On the Run II", die Anfang Juni startete, und die nun im Album "Everything is Love" gipfelte. Das nun als Erzählung ihres Erfolgs als Künstler und als Familie gedeutet werden kann.

Die einstige R’n’B-Sängerin Beyoncé hat es innerhalb kurzer Zeit geschafft, sich eine Aura der Diskurs-Pop-Göttin zu verleihen. Bei ihr sind sich Kritiker und Fans einig, dass sich alles, was "Queen Bey" produziert - ob es nun ein Instagramfoto, eine Superbowl-Choreografie oder ein "visuelles Album" ist - von erdrückendem gesellschaftlichen und künstlerischem Wert ist. Das Faszinierende daran ist, dass mit blinder Sicherheit davon ausgegangen wird, dass Beyoncé und Jay-Z in der Tat von ihrem höchsteigenen Leben berichten. Bei diesem Grad an artifizieller Inszenierung ist das eigentlich denkbar unwahrscheinlich - und auch ein bisschen egal. Denn der Unterhaltungswert ist ja in jedem Fall gegeben - wie in einer guten alten "Dynasty - der Denver-Clan"-Folge.

Neureiches Leitmotiv

Musikalisch handelt es sich bei "Everything is Love" um gehobenen Hiphop, auch in der Tradition einer Erykah Badu, bei drei Songs noch veredelt durch die Mitarbeit von Genrestar Pharrell Williams. Der urbane Streetsound täuscht auch manchmal über den Kitschinhalt hinweg, Zeilen wie "Liebe ist universell" zum Beispiel. Wie es im Rap ein Ritual ist, wird auch hier Kollegen - in dem Fall dem überaus erfolgreichen Drake und dem verhaltensauffälligen Kanye West - Mittelfreundliches ausgerichtet. Auch ohne Trump-Schelte geht es nicht - und auch das Musikstreamingportal Spotify, Konkurrent des familieneigenen Mitbewerbers Tidal, bekommt sein Fett ab. Kurioserweise ist das neue Album nun aber dort auch erhältlich - aber nur für zahlende Kunden.

Apropos Zahlen: Dass den Carters ihr Reichtum ein Anliegen ist, ist auch ein Leitmotiv des barocken Albums. Das nicht zuletzt aufgegriffen wird, wenn die beiden kess und neureich mit stolzem Blick und schwerem Geschmeide vor der "Mona Lisa" posieren. Reich ist auch dieses Video zum Song "Apeshit" ("to go apeshit" bedeutet "trefflich durchdrehen"), nämlich an eleganten Brückenschlägen zwischen edler Hochkultur und lukrativer Subkultur. Vom hyperventilierten Bekenntnis-Hiphop kann man halten, was man will, aber dieser Kurzfilm ist bemerkenswert. Auch wegen der simpel-hypnotischen Choreografie von Sidi Larbi Cherkaoui auf der Treppe hin zur Nike von Samothrake. Die hier unweigerlich einen Triumph symbolisiert.