Virtuelle Poser, bald real in Österreich: die Gorillaz. - © Jamie Hewlett
Virtuelle Poser, bald real in Österreich: die Gorillaz. - © Jamie Hewlett

Dem Mann scheint relativ schnell langweilig zu werden. Immerhin hat Damon Albarn das letzte Album seiner virtuellen Comic-Band Gorillaz vor gerade einmal einem Jahr vorgelegt und trotzdem beschlossen, neben seinen zahlreichen anderen Musikprojekten husch-husch auch schon wieder einen Nachfolger zu produzieren.

Als Hauptgrund dafür führt der 50-jährige Tausendsassa den Umstand ins Feld, dass er sich bei den kommenden Festivalterminen - die aktuelle Touretappe der Gorillaz wird die Band für den Eröffnungstag des heuer von 16. bis 19. August ausgetragenen FM4-Frequency-Festivals als Headliner auch nach St. Pölten führen - nicht wiederholen will.

Dezente Gastbeiträge

Vielleicht überschätzt er diesbezüglich die Wirkungsmacht des Vorgängeralbums vor dem Hintergrund der sehr menschlichen Sache mit dem Lang- und Kurzzeitgedächtnis und dem Frühwerk als eigentlichem Tummelplatz seiner Hits. An Klassikern aus dem titellosen Debüt von 2001 zwischen "Clint Eastwood" und "Tomorrow Comes Today", an denen es bei der Setlistwahl auch diesmal kein Vorbeikommen gibt, erinnern wir uns sowieso, während es doch eher schwerfallen dürfte, nur zwei, drei Nummern aus dem Vorjahreswerk "Humanz" auswendig aus dem Gedächtnis abzurufen.


Es ist also so, dass Damon Albarn als fleißiges Arbeitstier und Ober-Gorilla Ausflügen in Richtung Oper, Theater und Film erst in den letzten Jahren auch die Wiederbelebung seiner Stammband Blur folgen ließ und im Vorbeigehen sein erstes Soloalbum aufnahm. Vom Mammutprojekt der Wiederzusammenführung eines syrischen Orchesters auf europäischem Boden für gemeinsame Auftritte mit "westlichen" Gaststars einmal ganz abgesehen. Ach ja! Angeblich noch Ende dieses Jahres wird Damon Albarn gemeinsam mit seinem Projekt The Good, The Bad & The Queen zurückkehren, dessen neues Album bereits eingespielt ist.

Nur konsequent, dass der Kern des nun also vorliegenden sechsten Streichs der Gorillaz mit dem zeitgeistigen Titel "The Now Now" (Parlaphone/Warner) nicht nach einer Auszeit gemütlich im Heimstudio entstanden ist, sondern während des Touralltags in diversen Hotelzimmern geschrieben wurde.

Für die Finalisierung wiederum fand man in James Ford einen arbeitsamen Bruder im Geiste: Der hat in den letzten beiden Jahren nicht nur eigene Alben mit seinen Unternehmungen Simian Mobile Disco und The Last Shadow Puppets vorgelegt, sondern daneben u. a. auch noch Produktionsaufträge für Depeche Mode, Shock Machine, Everything Everything oder die Arctic Monkeys erfüllt.

Damon Albarn selbst hat sich neben diesem Support von außen noch eine kleine Arbeitserleichterung verschafft: Im Gegensatz zu den Vorgängerwerken sind auf "The Now Now" kaum Gäste an Bord, deren Beiträge es zu koordinieren galt. Und auch die wenigen Kontributoren wie Rapper Snoop Dogg (nach seinem Gospelalbum aktuell wieder sehr weltlich!) oder Jazz-Gitarrist George Benson bleiben mit ihren Beiträgen dezent im Hintergrund.

Glitzerwelt und Pampa

Nicht zuletzt in Hinsicht auf den melancholischen Grundton der Stücke und der zurückgefahrenen Experimentierlust im heiteren elektronischen Genre-Clash fühlt sich das Album bei angezogener Handbremse im Tempo weniger wie Musik von den Gorillaz und eher wie ein Soloalbum von Damon Albarn an. Manchmal schillert es dabei zwar auch, wenn es etwa in "Hollywood" in die Kunst- und Glitzerstadt Los Angeles geht. Stimmungstechnisch gedämpft mit Blue Notes oder im Idealfall verträumt, führen andere Stücke wie das von einem Aufenthalt Albarns in der Skihütte von Bruce Willis inspirierte "Idaho" mit ruralen Zupf- und andächtigen Steelgitarren zumindest zwischendurch aber auch in die Pampa.


Cheesy Keyboardflächen, zart angefunkte Gummibässe sowie pluckernde und stolpernde Laptopbeats dominieren das Klangbild. Dazu kämpft Damon Albarn wacker gegen seine Grundstimmung an: "I don’t want this isolation. See the state I’m in now?"

Und auch Zeichner Jamie Hewlett hat sich etwas ausgedacht: Anstelle von Murdoc Niccals, der wegen irgendeiner blöden Sache pausieren muss (sagen wir "Probleme mit dem Gesetzgeber" dazu ), bedient ein harter Knochen namens Ace derzeit den Bass. St. Pölten, sie kommen!