Wenn die Plattenindustrie ein "verlorenes Album" bewirbt, ist Vorsicht geboten. Sicher: Im Alltag kann schon etwas wegkommen. Ein Kind verliert seinen Handschuh. Eine Frau ihren Ohrring. Ein alter Mann den Hut. Aber ein Künstler sein - noch unveröffentlichtes - Album? Wohl kaum. Hinter dem Nimbus vom "gehobenen Musikschatz" steckt meist eine Nachlassverwertung von zweifelhafter Güte. Im glücklicheren Fall kommt ein Konzertmitschnitt ans Licht, wie ihn das Act-Label heuer vom verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson veröffentlicht hat. Im nicht so glücklichen erscheint - sagen wir einmal - die Demoaufnahme eines Duos von Ringo Starr mit Yoko Ono, das die Beatles nicht einmal auf eine C-Seite gepackt hätten.

Masterbänder verschwunden

Vielbeschäftigter Visionär: John Coltrane, zwischen Balladen-Anmut und freier Expression. - © Chuck Stewart
Vielbeschäftigter Visionär: John Coltrane, zwischen Balladen-Anmut und freier Expression. - © Chuck Stewart

Im Fall der aktuellen "Novität" von John Coltrane stehen die Dinge denkbar gut. "Both Directions At Once - The Lost Album" (Impulse/Verve/Universal) birgt Meisterstücke, wie man sie von der Jazz-Ikone erwartet; das verkaufsfördernde Addendum "Verlorenes Album" hätte es da nicht gebraucht. Die Umstände der späten Erscheinung dieses Albums - immerhin 51 Jahre nach dem frühen, krebsbedingten Tod Coltranes - sind aber freilich einige Zeilen wert.

Am Nachmittag des 6. März 1963 geht der meistdiskutierte Saxofonist der Zeit mit seinem "Classic Quartet", also Pianistenlegende McCoy Tyner sowie Schlagzeuger Elvin Jones und Bassist Jimmy Garrison, zwei Garanten für magnetische Grooves, ins Van Gelder Studio in New Jersey. Die vier haben soeben zwei Wochen lang das Birdland bespielt, der letzte Auftritt der Serie ist in dieser Mittwochnacht. Am frühen Abend sind die Aufnahmen auch schon im Kasten und die Musiker auf dem Weg nach New York.

Waren diese Bänder aber wirklich für eine LP geplant? Sohn Ravi Coltrane, auch Saxofonist und an der Edition des "Lost Albums" beteiligt, ist skeptisch: Sein Vater hätte im Studio auch gerne Material erprobt. Ebenfalls denkbar: Das Quartett könnte die Session später vergessen haben. Den Vielbeschäftigen - am 7. März bereits für ein anderes Projekt im Studio - sei es schwer gefallen, den Überblick zu bewahren, legt das Booklet nah.

Es ist jedenfalls einem Privileg des Saxofonisten zu verdanken, dass das "Lost Album" noch zum Vorschein kam: Nach jeder Studiositzung erhielt Coltrane einen Mono-Mitschnitt zur persönlichen Verwendung; er stand nun Pate für die (gut produzierte) CD. Die Masterbänder dürften vernichtet worden sein. In den 70ern übersiedelte das Label Impulse nach Los Angeles und reduzierte seine Archivbestände - aus Kostengründen.

Der Visionär Coltrane war aber auch nicht ganz über Finanzfragen erhaben. Der Meister des störrischen Saxofons, der quetschigen Spitzentöne und Zickzacklinien konnte 1961 mit einer gemilderten Fassung von "My Favorite Things" einen Hit verbuchen; im Folgejahr brachte er gar bekömmliche Balladen heraus. Dieser Erfolg lockte, trotz unverbrüchlichen Willens zur Intensität, zur Fortsetzung: Die Repertoirewahl der vorliegenden CD beweist es mit zwei Titeln. Allein: So ganz zwingt Coltrane seine Fantasie nur für eine Nummer unter das Joch der Jazz-Konvention (einer Fassung des "Vilja-Lieds" aus der Lehár-Operette "Die lustige Witwe"). Das zweite Cover, "Nature Boy", verläuft nach typischem Coltrane-Muster: Aus einer meditativen Versenkung heraus springt der Saxofonist ins Expressive, sprengt die Tonalität mit sengenden Soundgestöbern, während der Bass den immergleichen, sedierenden Groove wiederholt. Und das Klavier schweigt. So kann das Saxofon auch den Harmonieraum völlig bestimmen, mit Tonarten kokettieren, dazwischen irrlichtern.

Coltrane reizt die Möglichkeiten dieser Konstellation im "Slow Blues" bis aufs Äußerste aus: Über dem Gerüst der Bassnoten erzeugt er eine Collage an Kringeln, Knäueln, Krächzern und Klangwindungen, an der sich Coltranologen länger abarbeiten dürften. Ein Fund für Fans auch die verschiedenen Fassungen der Paradenummer "Impressions", zu hören auf einer Bonus-CD: Hier darf man Mäuschen spielen im Experimentierlabor der Feelings und Tempi.

Mit Reißer

Doch auch für Uneingeweihte ist etwas dabei: Von drei namenlosen Originalen erweist sich Nummer 11387 als Reißer: Posthum als "One Up, One Down" betitelt, zeigt das modale Stück die vier Musiker in voller Fahrt und weist in seiner rasenden Ekstase ebenso über diese Musik des Übergangs hinaus wie die streckenweise entfesselten Soli - hin zur spirituellen Intensität des Coltrane-Spätwerks mit "A Love Supreme".