Die zwölf in einer guten Dreiviertelstunde zum Besten gegebenen, von Jorja Smith gerne verträumt eingesungenen Songs ankern grundsätzlich in einem organisch angelegten, nur manchmal um dezentes elektronisches Beiwerk erweiterten Neo-R&B, der mit zum Kopfnicken ladenden Beats vorsichtig in Richtung Trip-Hop gedeutet wird - so er nicht zart im Balladenfach mit Jazz-Phrasierung auf der Gitarre in Richtung Rotweinabend daheim auf der Couch abbiegt.

Vom sich in fingierter Jam-Manier anschleichenden Titelsong zum Auftakt darf man sich ein wenig an Amy Winehouse erinnert fühlen, Album-Höhepunkte wie "Teenage Fantasy" (das mit dem gleichnamigen Song von
Katy Perry sehr wenig, also sagen wir: nichts zu tun hat) oder das von tollem Gruppengesang abgefederte, wolkenverhangene "Wandering Romance" wiederum könnte man sich auch im Werkkatalog der künstlerischen Muttergeneration von Jorja Smith in Gestalt Sade Adus ziemlich gut vorstellen.

Herz und Schmerz

Während die Sängerin hier also karrieretechnisch eilt und stimmungsmäßig (ver-)weilt, bekommt man es inhaltlich klassisch hadernd mit einem Themenschwerpunkt im Bereich Herz und Schmerz zu tun. Wir hoffen jedenfalls für die Protagonistin, dass zumindest die sehr überzeugt von Beziehungsqualen und Trennungspein kündenden Songs nicht auf selbsterlittenen autobiografischen Grenzerfahrungen beruhen. Und apropos Grenze: Zwei thematische Ausreißer gibt es auf "Lost & Found" auch.

Bei "Blue Lights" adressiert Jorja Smith mit "Shook Ones" nicht von ungefähr einen Klassiker des verblichenen East-Coast-Hip-Hop-Duos Mobb Deep, wenn sie vor dem Hintergrund von US-Polizeigewalt die Angst von Afroamerikanern vor dem Blaulicht besingt: "You better run when you hear the sirens coming / The blue lights are coming for you!" Und mit "Lifeboats" steht im Anschluss - zu plötzlich eingesetztem Cockney-Akzent-Sprechgesang im Stile Mike Skinners von The Streets - auch die Flüchtlingskrise im Allgemeinen und das Ertrinken im Mittelmeer im Speziellen auf dem Programm.

Am Ende setzt es im Balladenteil zwar zu viel ausgestellte und stark kunsthandwerklich unterstrichene Gefühligkeit, aber auch das mit einmal Pathos extra auffahrende "Tomorrow", einen potenziellen Hit für die Neigungsgruppe Adele, der am Talent von Jorja Smith keine Zweifel lässt.