Es gibt Alben, die hört man lieber nicht mit dem Kopfhörer. Sie lassen nämlich so viele Tonspuren gleichzeitig auf die Ohren einprasseln, dass man mitunter auffährt und sich umblickt. Hat da eben ein Telefon geläutet? Hat eine Alarmsirene geheult? Hat wer von nebenan gerufen? "Heaven & Earth" ist so ein Fall: Mit dem Gustav Mahler’schen Anspruch, sich eine eigene Welt zu zimmern, legt der US-Saxofonist Kamasi Washington ein Doppelalbum vor, das mit Streichern und Chören prunkt, mit Jazzband und Rockmusikern und vor allem einem Siebziger-Sound, der in Form von Soul-Hymnen, Synthies, Wah-Wah-Gitarren, Donnergrooves und Bläserriffs nicht zuletzt nach einem Filmregisseur schreit: Quentin Tarantino, spiel mich!

Natürlich birgt dieses Urassen eine Gefahr, und sie heißt Kitsch. Washington, der Maßlose, macht auch um ihn keinen Bogen: In einem Schmalzmonster ("The Space Traveler’s Lullaby") heult der Chor wie in der alten Serienmusik zum "Raumschiff Enterprise". Die Bombastmanie des 37-Jährigen führt auf der ersten CD aber vor allem zu grandiosen Zugnummern. Wesentlich für ihre Wirkung: Washingtons Saxofon befüllt diese musikalischen Turmbauten zu Babel mit stupender Energie.