Beinahe wäre die Eröffnung diesmal ins Wasser gefallen. Der plötzlich und heftig über dem Wiener Karlsplatz einfallende Starkregen hat dann aber eh nur den einen oder anderen früh Angereisten zu einer Umziehpause kurz wieder nach Hause geschickt, bevor es vor der Hauptbühne in der frischen Jeanshose mit einer dreiviertel Stunde Verspätung schließlich doch noch losgehen konnte.

Bevor es dort zur Primetime unsere Kärntner Freunde von Naked Lunch unter den nach wie vor beziehungsweise schon wieder dräuenden Regenwolken noch einmal fast verschrien hätten ("It smells like rain today . . ."), eröffnete allerdings eine Band das Geschehen, deren Name allein schon gut zu den Umständen passte.

"Spürst du es auch?"

Nach den von glücklichen Schutzsuchenden knöcheltief in der
Karlsplatzpassage übertauchten Problemen mit dem Wasser von oben präsentierte sich dort das Wiener All-Female-Trio Dives. Das ging künstlerisch allerdings nicht auf Tauchstation, sondern rumpelte mit hübsch garagistischem Schrammelrock im Zeichen von Rhythmusbetonung und klirrenden Gitarren durch ein Set, das etwa über die Single "Tomorrow" mit Zeilen wie "How can you feel when your hearts are made of stone?" nachdrücklich auch eines erklärte:

Nicht nur für die erst seit zweieinhalb Jahren und unter explizitem Do-it-yourself-Gebot aktive Band selbst, sondern vor allem auch für die Wiener Musikjournalistin und (neben dem Nino aus Wien) Popfestkuratorin des Jahres 2018, Katharina Seidler, ist Pop nichts weniger als eine große, große Herzensangelegenheit. Keine Abgebrühtheit, kein Zynismus, dafür das volle Gefühl im Sinne der Programmheftzeile "Ich spür da was, spürst du es auch?".

Das ist der eine Blickwinkel auf den Eröffnungsabend. Der zweite ist der, dass hier nach Jahren des willkommenen Wiederaufgreifens des Dialekts und des Lokalkolorits zwischen etwa neuem Wienerlied, dem Leistungsverweigerungsgesang von besagtem Nino aus Wien oder den Tschecheri-, Tschechera- und Bauchstichhütten-Vermessungen eines Voodoo Jürgens wieder der internationale Ansatz im Vordergrund steht.

Den Mond anheulen

Naked Lunch als seinerzeit nur knapp an der großen Karriere abroad vorbeigeschrammte Veteranen sind zwischen diesen Blickwinkeln der Missing Link. Hier wird das Weltkulturerbe Popsong zwischen Jammertal und Himmelshöhe händeringend und selbstverständlich immer zum großen Theater.

Gemeinsam mit Eva Jantschitsch alias Gustav als stimmlich wesentlich besser aufgestellter Gast-Vokalistin und mit knappen Vorboten aus einem möglicherweise 2019 erscheinenden neuen Album hörte man zwar steinerweichende Musik, die immer "voi eini" geht und die kalten Fakten des Lebens ("So Sad") herzzerreißend im Klagemodus einfängt: Vollmond ist zwar erst morgen, aber wir heulen ihn schon heute an.

Allerdings hat es die Band dann auch am Popfest wieder geschafft, mit dem Erlösungspop von zwischen gehobenem Schlager und dem dazu gut passenden gewissen Phil-Spector-Gefühl angesiedelten Songs wie "The Sun" für jene strahlenden Gesichter zu sorgen, die bei Mavi Phoenix urwesentlich vorprogrammiert sind.

Die 22-jährige gebürtige Linzerin drängt außer zur internationalen Karriere im Zeichen hipper Junge-Leute-Musik in Nähe zu schnöden, aber irgendwie trotzdem als cool durchgehenden MTVismen auch als sportliche Performerin in Richtung Workout und glücklich machenden Tanz auf Basis wummsender Unterhaltungselektronik- und wippender Trap-Beats. Kräftigen Auto-Tune-Abusus gibt es zu Texten über Luxusautos und Wein-Schlürferei natürlich auch. Das meiste ist sehr amerikanisch und alles sehr professionell.

Im Wien Museum dann doch noch etwas Lokalkolorit (das bei Mavi Phoenix immerhin in Zwischenreden in breitem oberösterreichischem Dialekt vorkam): Paul Plut deutete seine gebrochenen "Lieder vom Tanzen und Sterben" im reduzierten Trio-Format live noch fragiler, spiritueller und inniger zwischen Staubwüsten-Twang und Schladminger Gebirgsgospel. Abermals Musik, die mitten ins Herz trifft.