Keine Hemmungen - und kein Genierer: Flut um Sänger Johannes Paulusberger (2.v.r.). - © Flut
Keine Hemmungen - und kein Genierer: Flut um Sänger Johannes Paulusberger (2.v.r.). - © Flut

Bekannt wurde die Band im Vorjahr mit einem Musikvideo, das in rauschender VHS-Qualität im Graubereich zwischen einer Folge "Kottan ermittelt" und einer "schwaren Partie" für Privatdetektiv Matula in "Ein Fall für zwei" unter dem Titel "Linz bei Nacht" zu so etwas wie dem "Ganz Wien" der Mostschädelmetropole und Stahlstadt Linz aus dem Hoamatland Oberösterreich wurde.

Mit schneidenden maskulinen Stromrockgitarren für die Mehrzweckhalle oder das Stadion auf der Gugl und mutigen, bereits vergessen geglaubten Sounds aus dem Umhängekeyboard kam es hier neben einer guten Dosis Falco (check it out!) nicht zuletzt zu einer Wiederbegegnung mit dem alten Austropopsujet des Ba-, Ba-, Banküberfalls: das Böse ist immer und überall. Die Band hieß und heißt Flut, ist wirklich sehr mutig und hat neben einem generellen Faible für die 80er Jahre vor allem keine Hemmungen, wenn es um den Rückgriff auf die besonders schwer verdaulichen Sounds und Ästhetiken dieser Dekade geht.


Sehnsucht nach den 80er Jahren taucht als Symptom vor allem bei Menschen auf, die seinerzeit gerade geboren wurden oder noch nicht einmal angedacht waren. Es gab damals noch eine Zukunft, Telefone, mit denen man tatsächlich nur telefonieren konnte (was, bitte, ist ein SMS?) und die ewiges Glück und satte Zinsen (was, bitte, sind Zinsen?) verheißende Bawag-Werbung. Draußen spielte es zwar Aufrüstung und Tschernobyl, aber wer will sich schon mit Kleinigkeiten aufhalten, wenn damals sowieso alles besser war?

Daran erinnern Flut auch in weit geschnittenen Leopardenmusterhemden und Trenchcoats aus einer Zeit lange vor Slim-Fit, die man mit Jeans aus dem Humana-Container oder einem alten, im Internet erstandenen "Zweier-Golf" kostengünstig kombinieren kann. Außer keine Hemmungen haben Flut übrigens auch keinen Genierer, was uns langsam zum nun erscheinenden Debütalbum kommen lässt.

Nach der ersten Vorstellungsrunde mit der "Linz bei Nacht" enthaltenden "Nachtschicht"-EP, mit der es sich dank Songs wie "Sterne" außerdem an Peter Schillings "Major Tom" erinnern ließ ("Völlig losgelöst von der Erde . . ."), haben Flut nun auch für die elf Stücke des offiziellen Erstlings auf einen Joker zurückgegriffen. "Global" wurde in Wien gemeinsam mit dem Produzenten Sebastian "Zebo" Adam aufgenommen, der bereits für den Erfolg der gleichfalls aus dem Hoamatland stammenden Kollegen von Bilderbuch mitverantwortlich zeichnet.

Statt Schicht im Schacht für die 1980er Jahre heißt es für Flut auch und gerade heute wieder Extraschicht im Neonlicht - was neben einer Lawine an Referenzen nicht selten auch etwas unverbindlich-blasse Texte zeitigt, bei denen die Großwetterlage für den Herzschmerz herhalten muss ("Regen", "Eiszeit").

Mit Shakuhachi-Flöte

Dafür hört man mit Nummern wie "Agent 08", das den Kalten Krieg am Roten Platz in Moskau auf doppelten Boden stellt ("Mein Herz pocht rasend schnell / Wir stehen schon lang unter Verdacht / Verwisch die Spur mit mir heut Nacht!"), oder dem näher an The Cure in ihrer Pop-Phase gerückten "Schlechte Manieren" auch Hits, die in der Ära der Neuen Deutschen Welle im ehemaligen "Wetten, dass . . ?"-Einzugsgebiet weltberühmt gewesen sein könnten.

Sänger Johannes Paulusberger schwankt also zwischen Hochdeutsch, exakt keinem Oberösterreichisch und den immerhin angewienert geraunzten Vokalen aus der Schule von Marco Michael Wanda. Dazu erklären tropisch-schwüle Songs wie "Cocktailbar" auf Segelslipper-Basis am Beispiel von Duran Duran ("Rio") oder Wham! ("Club Tropicana"), dass der Mensch auch einmal Urlaub braucht - und Exotistan immer lockt.

Bei "Sommer in Mumbai" lauert eine aus dem esoterischen Popfundus zwischen Enigma und Enya einschlägig bekannte Shakuhachi-Flöte als letzte Geduldsprobe, mit der Flut zum Abschluss in Sachen schlechter Geschmack noch einmal voll auf den Putz hauen wollen. Aber wie gesagt, man muss sich das erst einmal trauen.