Im Schwebezustand: US-Songwriterin Cat Power. - © Eliot Lee Hazel
Im Schwebezustand: US-Songwriterin Cat Power. - © Eliot Lee Hazel

Der Umherreisende hat als Figur immer Hochkonjunktur. Sei es als Flaneur und Sinnsuchender in der (Welt-)Literatur, als Strawanzer im Soziotop der Lokale, als temporär Aussteigender und Globetrotter mit Instagram-Anschluss - oder als Künstler mit dichtem Tourneeplan.

In die letztgenannte Kategorie fällt die US-Musikerin Chan Marshall alias Cat Power, die soeben aus einer sechsjährigen Veröffentlichungspause zurückkehrt und ihr neues Album "Wanderer" nennt.

Im Duett mit Lana Del Rey

Naheliegenderweise adressiert die inzwischen 46-jährige Songwriterin damit nicht den Bergfex, wie man ihn aus der alpinen Folklore zwischen Schwarz-Weiß-Heimatfilm und ORF-Formaten wie "Harrys liabste Hütt’n" und "Ins Land einischaun" kennt - sofern man nicht gerade selbst zum Gipfelsturm ansetzt und dabei sehr oft "Griass di!" sagt. Nein. In einem knappen Album-Statement reiht sich die frisch gebackene Mutter in die Riege des fahrenden Künstlervolks ein und stellt sich damit auch in die Tradition der Generationen vor ihr: "Folk singers, blues singers and everything in between. They were all wanderers, and I am lucky to be among them."

Ästhetisch ergibt sich daraus aber nur ein vorsichtiger Ausbau der Folk-Elemente im Songwriting. Vordergründig fallen die Schlankheit der Arrangements und die Reduktion auf das Wesentliche auf, die den erstmals elektronisch abgefederten und ungewohnt ausproduzierten Vorgänger "Sun" von 2012 kontrastieren.

Ihre alte Plattenfirma Matador, bei der sie seit 1996 unter Vertrag stand, hätte sich ein Hitalbum gewünscht, so Marshall, die dieser Forderung nicht nachkommen wollte und sich nach dem Wechsel zu Domino Records nun besonders hinterlistig rächt: Immerhin sollte Lana Del Rey als Duettpartnerin der Vorabsingle "Woman" der Künstlerin selbst wie auch ihrem neuen Arbeitgeber ein entsprechendes Mehr an Aufmerksamkeit garantieren. Gleichermaßen fungiert der Song sowohl als starkes Statement weiblicher Selbstermächtigung als auch als Abgesang auf Marshalls zunehmend von Alkoholproblemen und psychischen Zusammenbrüchen auf und abseits der Bühne geprägten Karriere- und Lebensweg: "The doctor said I was better than ever, man you shoulda seen me! The doctor said I was not my past, he said I was finally free."

Auseinandergehen ist schwer

Marshall wechselt vom introspektiven Hallklavier an die clean gespielte oder akustische Gitarre. Vor allem begrüßt sie uns in Form des a cappella gehaltenen Titelstücks aber gleich zum Auftakt mit einem Gefühl des Nachhausekommens, das von dieser tollen, auch ohne Nachdruck unter die Haut gehenden Stimme ausgeht, die hier wirkungsmächtig geschichtet in Interaktion mit sich selbst tritt.


Nur in "Horizon", einem der Schlüsselsongs auf "Wanderer", der dessen Kern im Sound als sanften Gleitflug und den Inhalt als Meditation über das Zueinanderfinden und Abschiednehmen ausweist, gesellt sich dazu ein singuläres Zugeständnis an den Zeitgeist: Cat Power lässt zart gesummte Gesangsmelodien mit Auto-Tune-Effekt aus dem Hintergrund spuken. Aber keine Angst, es funktioniert! Wir hören ein friedliches Verharren im Schwebezustand, zu dem sich das besungene Sujet trefflich beobachten lässt. Wolken ziehen am Himmel vorbei, ein Düsenjet will nach Süden, etwas unterhalb fährt der Bauer mit seinem Traktor aus.

Nicht immer aber bleibt es inhaltlich so kontemplativ. Stücke wie "In Your Face ("You never need, you’re American / You never take what you say seriously") oder "You Get" ("You never listen / You will get what you get") singen dem Zeitgeist ein Lied. Bei "Black" klopft mit dem Tod der letzte Sozialkontakt, den wir dereinst haben werden, an die Tür. Manchmal blitzt etwas Blues auf. Oft dominiert das gewisse Sperrstundenfeeling den Ton.

Eine hübsche, für Cat-Power-Verhältnisse aber kaum abstrahierte Coverversion gibt es diesmal mit dem Rihanna-Hit "Stay", bevor sich mit "Me Voy" ein anderes Schlüsselstück des Albums anschickt, das Licht abzudrehen. Auseinandergehen ist schwer, auf Reisen allerdings nicht ganz zu vermeiden.