Im Juli dieses Jahres wurde John Grant 50. Der Geburtstag, den der in Michigan geborene und in Colorado aufgewachsene Hüne mit halsbrecherischen Achterbahnfahrten im Vergnügungspark von Cedar Point, Ohio, feierte, wäre per se Anlass genug, eine mehr als erstaunliche Karriere zu würdigen: Als Leadsänger der Folk-Rock-Pop-Band The Czars schien er zur Nischenexistenz im Indie-Kosmos, vor allem aber zum Spielball seiner Süchte und Prägungen verdammt: In einem orthodox-methodistischen Haushalt aufgewachsen, kam er lange Zeit mit seiner Homosexualität nicht klar und suchte Betäubung in Drogen und Alkohol.

Nach dem Ende der Czars verabschiedete er sich für eine halbe Dekade vom Musikbusiness und verdingte sich in New York als Kellner und Russisch-Übersetzer in einem Spital.

Stringente Entwicklung

2010 meldete sich Grant, begleitet von der texanischen Folkband Midlake, mit seinem Solodebüt "Queen Of Denmark" zurück. Und "Queen Of Denmark" war mehr als nur ein Comebackalbum - es war ein Coming-out: mittlerweile ausgenüchtert, vollzog Grant hier seine Auseinandersetzung mit seiner Persönlichkeit, seinen Obsessionen und nicht zuletzt dem gesellschaftlichen Mainstream.

Zugleich war das Album auch unerwartet erfolgreich und fuhr etliche Preise ein. Die beiden Nachfolger, "Pale Green Ghosts" (2013) und "Grey Tickles, Black Pressure" (2015), fanden noch größeren Zuspruch bei Kritikern und Publikum, doch der Himmel über Island, wo Grant seit 2011 lebt, verdüsterte sich zwischenzeitlich wieder, als bei ihm eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde. Sein offener Umgang mit der Krankheit, seiner Sexualität und seinen Konflikten mit der Umwelt und sich selbst, die er teils in seinem Werk, teils in öffentlichen Auftritten thematisiert, hat ihn indes zur Identifikationsfigur für Außenseiter gemacht.

In Grants Soloplatten lassen sich rückblickend sowohl musikalisch wie auch textlich stringente Entwicklungen nachverfolgen: "Queen Of Denmark" bewegt sich noch auf einem Feld, das ein Elton John in seinen besseren Tagen beackert hat. "Pale Green Ghosts" bezeugt bereits Grants Faszination an elektronischen Sounds. "Grey Tickles, Black Pressure" zieht zusätzlich einige Comedy- und Heavy-Elemente ein, die man nicht notwendigerweise goutieren muss, aber für Weltklassesongs wie "Global Warming" gerne in Kauf nimmt.

Textlich zeigt sich eine kontinuierliche Öffnung und Erweiterung von privaten Themen zu politischen Topics. Allerdings standen sich diese Bereiche nie als starre Fronten gegenüber - im Gegenteil besteht Grants große Kunst in der wechselseitigen Durchdringung intimer und (un-)sozialer Lebensräume. Im Titelsong seines Debütalbums etwa verquirlt er ein kaputtes Beziehungsszenario mit turbokapitalistischer Leistungsrhetorik.

Weite Flächen

Ähnlich virtuos verwebt Grant nun auf seinem neuem Album, "Love Is Magic", eine armselige Beziehungssphäre mit gesellschaftlichem Imponiergehabe: Mit Schmähungen, die von kuriosem Einfallsreichtum zeugen, macht ein Mann, der sich als "Manipulator" rühmt, seinen Partner nieder - bis er von diesem, der nie in der ersten Person zu Wort kommt, auf offensichtlich peinliche Weise kompromittiert wird und am Ende kleinlaut zurückzieht.

Als Hybrid aus Rap und Talking Blues vorgetragen und auf eine monoton-serielle Begleitung gestützt, deren Synthiebass entfernt an den Chic-Klassiker "Good Times" erinnert, ist das zitierte "Diet Gum" auch prototypisch für die stilistische Ausrichtung von "Love Is Magic". Das inhaltlich auf die Absurdität der Gegenwart fokussierte Album ist konsequent einem elektronischen Design überantwortet, für das in erster Linie der Synthesizer-Fetischist Ben Edwards (Benge) gesorgt hat, der das Album gemeinsam mit Grant und Paul Alexander von Midlake produzierte.

Auch in diesem Format bleibt natürlich die Balladenform, die Grants sonoren Bariton am besten zur Geltung bringt, nicht ungenützt, etwa in der Donald-Trump-Abreibung "Smug Cunt". Was die LP aber eigentlich ausmacht, ist die ziemlich unerbittliche Konsequenz der Soundscapes, denen viel Platz zur Entfaltung weiter Flächen mit einigen harschen Klippen eingeräumt wurde. Ein Bild der Zeit, einer Eiszeit fürwahr.