Und gerade auch ein großer Teil von "The Flame" lässt sich mit teils rezenten, teils Jahrzehnte zurückreichenden Gedichten im Graubereich zwischen Lyrik und Lyrics als Fortführung eines popkulturellen Ausnahmeprojekts verstehen: Während die Rockstargeneration 70 plus in den Stadien und Mehrzweckhallen der Welt stellvertretend für ihr Publikum ignorieren muss, dass alle Beteiligten nicht mehr zwanzig sind, brauchte Cohen für den alten Mann, der die existenzielle Seite des Menschseins ohne Berührungsangst fokussiert, nicht erst grau zu werden. Der Tod war und ist hier nie das Tabu, er war und ist neben einer Tatsache auch immer ein Motor. Leonard Cohen blickt zurück - und schickt gleich wieder einen lakonischen Witz auf den Weg: "You were the last young woman / To look at me that way / When was it / Sometimes between 9/11 and The Tsunami."

Mit Nachdruck unterstreicht der Band aber auch zwei weitere Eigenschaften von Leonard Cohen: seine vor allem für eine kultisch verehrte sogenannte Person des öffentlichen Lebens, einen Musiker, Poeten und "Ladies’ Man" äußerst ungewöhnliche und überraschende Bescheidenheit und Demut, die in ihrer destruktiveren Form aber auch als mitunter schwer auf die Produktivität drückender Selbstzweifel daherkommen konnte. Das sieht man nicht nur den Selbstporträts an, die konsequent desperate Blicke mit Aufschriften wie "This isn’t working anymore / Maybe time to go" verknüpfen.

"I am Picasso"

Auch bewegen sich die Gedichte mit Zeilen wie "I was always working steady / But I never called it art" vom höflichen Understatement nicht selten in Richtung Selbstvernichtung: "If there were no paintings in this world / mine would be very important / Same with my songs" oder: "I’m no one to say / Who can or can’t be a singer / God knows my own credentials / Were not extensive / It was Good Fortune / As success always is / Period." Außerdem fühlt sich Leonard Cohen in seiner sehr dankbar angelegten Rede zur Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises im Jahr 2011, die "The Flame" zum Abschluss reicht, "ein bisschen als Scharlatan, eine Auszeichnung für etwas anzunehmen, das ich nicht beherrsche".


Den in Form und Inhalt großen und sehr, sehr unterhaltsamen Ausreißer dazu bietet hingegen das auf 2015 datierte Gedicht "Kanye West Is Not Picasso", mit dem Leonard Cohen den gleichnamigen US-Rapper disst: "Kanye West is not Picasso / I am Picasso / Kanye West ist not Edison / I am Edison / I am Tesla (. . .) / I am the Kanye West of Kanye West / The Kanye West / Of the great bogus shift of bullshit culture / From one boutique to another."

Wir empfangen die letzten Lebenszeichen eines Künstlers, dessen Werk als (Stich-)Flamme auch post mortem weiterbrennt. Man muss nur ins Bücher- oder Plattenregal greifen.