In den Worten der Meisterin selbst fokussiert das Album die "Kakophonie des Verstandes in einer schmelzenden Welt" - und gleich zum Auftakt mit "Turn The Light On" scheint das durchaus wörtlich gemeint. Man hört einen beständig sich steigernden orchestralen Urknall mit Julia Holter als vokal beschwörender Zeremonienmeisterin auf dem Weg zur Befreiung und wird zunehmend von dem Gefühl beschlichen, dass das neueste Werk der umtriebigen Musikerin nicht per se auf Wohlklang gepolt sein könnte.

Die 1984 geborene US-Amerikanerin mit Kompositionsdiplom gilt seit ihren Anfängen mit eigenwilligen und für ihre Herkunft von erstaunlichen Inspirationsquellen getragenen Alben als markante Stimme im Geschäft. Ausgehend von ihrem auf die griechische Tragödie im Allgemeinen und Euripides’ "Der bekränzte Hippolytus" im Speziellen verweisenden Debüt "Tragedy" (2011) und dessen Nachfolger "Ekstasis" (2012) ging es von Bedroom-Recordings mit Billig-Synthesizern zwischen sogenannter E- und U-Musik sowie dem guten alten Schlagwort "Avantgarde" mit Kunstliedbezug, abstraktem Jazz und Streichquartett bereits sehr bald um alles.

Zugänglich, breitenwirksam und homogen wie nie zuvor erklang im Jahr 2015 dann der gleichermaßen wunderbare wie wundersame Liederzyklus "Have You In My Wilderness", der zwischen klassischer Streicherumrahmung aus der Schule von John Cales Meisterwerk "Paris 1919" und der nötigen Dosis Dream- und Barock-Pop wurzelte und dem erstmals um ein Ensemble erweiterten Album "Loud City Song" von 2013 gefolgt war. Darauf hatte Julia Holter über die "Gigi"-Novelle der französischen Schriftstellerin Colette von 1944 das Bling-Bling-Los-Angeles der Gegenwart dem Fin-de-Siècle-Paris gegenübergestellt.

Reizüberflutungswelle

Für die 15 maßlosen Songs ihres während einer Spieldauer von mehr als eineinhalb Stunden in jeder Hinsicht überbordenden Opus magnums "Aviary", das kommende Woche bei Domino Records erscheint, bildete nun eine Kurzgeschichte der libanesisch-amerikanischen Schriftstellerin Etel Adnan die Ausgangsbasis, um auch noch bei den Troubadouren des 12. Jahrhunderts vorbeizuschauen, die antike Dichtung diesmal über Sappho und Dante Alighieri hochleben zu lassen und einen Text der in ihrer Heimat Nepal weltberühmten buddhistischen Nonne und Sängerin Chöying Drölma zum Besten zu geben.

Schalmeien, Flöten und die kompositorisch angewandte Hoquetus-Technik entführen tief ins Mittelalter, dazwischen verströmen Hare-Krishna-gleiche Mantras das gewisse spirituelle Dings. Man hört psychedelische 60er-Jahre-Referenzen mit Eierorgel, durchgeknallten Quengelpop für den japanischen Nischenmarkt und mehrteilige Kunstlieder mit entrücktem Gesang und Texten aus dem Bewusstseinsstrom. Das hört sich in etwa so eigentümlich an, wie sich das Transkript davon liest: "I / aNd under / The bridges / hEr / chaRiots", oder: "I see / I no / I yes / I you / I ace / I say / I hi / I low / I run / I fall / I can / I true." Dazwischen gibt es aber auch etwas für den alten Lateiner: "Voce simul consona obviosa obliviosa deliriosa."

Greifbareres wie die im Verlauf feierliche und zunehmend nach Velvet Underground und Nico klingende Vorabsingle "I Shall Love 2" oder die eine oder andere auf Kontrabass und Hotelbarklavier fußende Sperrstundennummer im Zeichen eines Ambient-affinen Songwritings und Jazz für Menschen, die im Regelfall keinen Jazz hören, sind zwischendurch die "Belohnung" dafür, dass Julia Holter hier zu gerne auf eine Auszeichnung mit der goldenen Anstecknadel in der Kategorie "Anstrengende Musik" hinarbeitet. Das programmatisch betitelte "Everyday Is An Emergency" etwa klingt wie ein Hupkonzert für Flöten, neben dem sogar der Nervfaktor eines durchschnittlichen Björk-Songs verblasst.

Es gibt kosmische Gleitflüge, ein Dosenorchester und sehr viele flächige Klangspuren mit noch mehr Hall, der dem an der Schnittstelle von Traum und Erinnerung entschwindenden Kerncharakter der Songs durchaus entgegenkommt. Das beständige Zu-viel-von-allem, auf das sich "Aviary" bezieht, wird von Julia Holter allerdings nicht zurückgedrängt, sondern in die gigantische Reizüberflutungswelle eingespeist - die jetzt über uns Hörer schwappt.