Ganz zu schweigen von David Bowies eigener Hitliste seiner 100 Lieblingsbücher, die er 2013 lancierte. Freilich fand man da Musik- und Bowie-affine Namen wie den Pophistoriker Greil Marcus und den Musikjournalisten (und Reiseliteraten) Nik Cohn, aber auch den postmodernen Romancier Anthony Burgess, einen historischen Roman Peter Ackroyds, Bruce Chatwins Roman "Traumpfade" (im Original "The Songlines") wie auch einen Gesprächsband mit und von John Cage, Homers "Ilias" und Dantes "Inferno", das Henry-Kissinger-Buch von Christopher Hitchens und so Ausgefallenes wie "Zanoni", einen Verschwörungs- und Mystizismus-Roman des Engländers Edward Bulwer-Lytton von 1842 oder Ed Sanders’ Pseudo-Tatsachen-Roman "Tales Of Beatnik Glory" über Sub- und Gegenkultur im New York der Beatniks.

Und dann hat man noch keine Sekunde Musik gehört, noch keinen einzigen Song angespielt, keine der zwölf CDs (plus Buch) der Kollektion "Five Years 1969- 1973", keine der zwölf CDs von "Who Can I Be Now 1974-1976", nichts aus der Box "A New Career in A New Town 1977-1982", von "Loving The Alien 1983-1988" oder den zahlreichen Reissues und Remastered Versions - und auch nicht den gerade erschienenen Silberling "The Marquee Club Rehearsals London 1973" in den Player eingelegt.

Was kann also eine neue Biografie enthalten, was nicht schon bekannt, analysiert, gedreht und gewendet worden ist, von Androgynität, Gender und Drittem Geschlecht, bevor es diese Begriffe überhaupt gab, bis zur Exegese des staunenden Ausrufs "Woo", der Bowie bei der Aufnahme von "Blackstar", seinem letzten Album, während des Solos des Saxofonisten Donny McCaslin entschlüpfte?

Unkonventioneller Weg

Der englische Journalist Dylan Jones, 1960 geboren, seit zwanzig Jahren Chefredakteur des Herrenmode- und Lifestylemagazins "GQ" und Autor von vielen Büchern über Popkulturelles, unter anderem über Jim Morrison und U2, über Elvis Presley oder den iPod, schlägt in seinem nun auf Deutsch vorliegenden monumentalen Papierwerk "David Bowie: Ein Leben" einen biografisch eher unkonventionellen Weg ein.

Er hat nämlich mehr als 300 Zeitzeugen interviewt, von frühen Freunden und Bekannten bis zu Musikern, die Bowies Weg kreuzten, Journalisten und Filmmitarbeitern. In dreizehn Kapiteln hat er zahllose Auszüge chronologisch zu einer Kompilation arrangiert. Kaum eine Doppelseite, auf der kein kurzes, öfter mittellanges, manchmal auch sehr langes Zitat, eine persönliche Erinnerung, eine Arabeske aus dem Probenraum, eine Anekdote, eine Echokammerreflexion und, auch das, eine Selbstbespiegelung, zu finden ist.

Allein die Organisation all dieser Gespräche muss als herkulische Tat eingestuft werden. Am Ende jedoch stellt sich die Frage aller Fragen, die bei Bowie als Leitthema des Werks, der Person, des Rätsels "David Bowie" aufscheint: Wer war dieser Musiker, der in einer Londoner Vorstadt in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, der sich musikalisch dermaßen häufig häutete und am Ende eine Sphinx war, der eine große Kunstsammlung besaß und kluge Bücher las? Wer ist David Bowie? Diese Frage flammte ja schon über der gewaltigen Ausstellung 2013 auf, die in London und Berlin Massen anzog.

Kon-Rads. King Bees. Mannish Boys. Davey Jones And The Lower Third. Feathers. Hype. Auch das war David Bowie - in der Frühphase. Später dann die bekannten Metamorphosen, vom auch filmisch verkörperten Außerirdischen zum "Dance"-König zum Eklektiker, der nach seinem Comeback 2013 Hitlisten der Musikindustrie souverän ignorierte. Auch wenn das lesenswerte Buch überlang ausgefallen ist und nicht jeder Erinnerungsbaustein gleich wertvoll anmutet, hat Jones mit "David Bowie: Ein Leben" einen weitverzweigten Gedächtnispalast errichtet.