Ein Gefühl von Rückblick und Nachdenklichkeit: Marianne Faithfull in ihrer Wohnung in Paris. - © Yann Orhan
Ein Gefühl von Rückblick und Nachdenklichkeit: Marianne Faithfull in ihrer Wohnung in Paris. - © Yann Orhan

Wie viele gefühlte und tatsächliche Comebacks Marianne Faithfull zeit ihrer 53-jährigen Laufbahn bereits gefeiert hat, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Sehr wahrscheinlich muss es sich aber bereits um einen wiederholten Karrierefrühling gehandelt haben, als die im Dezember 1946 in London geborene Sängerin etwa im Jahr 2002 mit dem Album "Kissin Time" und dessen abermals auf Konventionen pfeifender Single "Sex With Strangers" eine neue Generation an Hörerinnen und Hörern auf sich aufmerksam machte, indem sie eine Zusammenarbeit mit diversen dienstjüngeren Kräften wie Beck, Pulp und Blur sowie Billy Corgan von den Smashing Pumpkins einging.

Sie begeisterte - wie kurz zuvor auch als Gaststimme bei Metallica ("The Memory Remains", wir erinnern uns!) als coole Alte ohne Hemmung und Genierer, die ihr Leben zwar sicht- und hörbar gelebt hatte, allerdings mit der Einstellung erfreute, es jetzt noch einmal wissen zu wollen.

Gefeiert als Überlebende

Das war auch deshalb eine gute Entscheidung, weil die besten Alben im Werkkatalog Faithfulls auf ihr Spätwerk entfallen - wo auch immer man dessen Ursprung nun ansetzt. Bekannt geworden in den Swinging Sixties im Umfeld der Rolling Stones, deren "As Tears Go By" als eines der frühesten Dokumente der Schreibgemeinschaft Jagger/Richards ihr im Jahr 1964 zum Durchbruch verhalf, folgte ein erster heftiger Absturz bereits wenig später in einer Wolke aus Sorgerechtsentzug, Selbstmordversuch, Alkohol, Drogen und Magersucht.

Marianne Faithfull lebte obdachlos auf den Straßen von Soho und wurde bereits bei ihrer Rückkehr mit dem Karrieremeilenstein "Broken English" im Jahr 1979 als Überlebende gefeiert. Das mit Mark Miller Mundy als Produzent eingespielte Album markierte einen künstlerischen Modernisierungsschub am Puls der Zeit auf New-Wave-Basis mit schicken Reggae-Einsprengseln. Gleichzeitig war damals die Grundlage für eine Stimme gelegt, die böse Zungen als ramponiert bezeichnen würden. Heiser, brüchig und vom Leben gezeichnet erweist sich das Resultat aber gerade heute wieder als ungemein charismatisch.

Auf dem Album "Before The Poison" im Jahr 2005 kam es zu einer ersten Zusammenarbeit mit Nick Cave sowie zu Song- und Produktionsbeiträgen von PJ Harvey. Das 2011 erschienene "Horses And High Heels" war von einer Dienstreise nach New Orleans inspiriert und sah seine Performerin im Rahmen einer Live-Rückkehr auch am Jazz Fest Wien gefeiert. Zuletzt deklarierte Faithfull wiederum auch mit dem Leonard-Cohen-Cover "Going Home" auf dem Album "Give My Love To London" im Jahr 2014, dass eine neue Karrierephase begonnen hatte. Auch wenn diese nun eher nicht aussieht wie von der Sängerin in den Nullerjahren erhofft, nämlich als bequem verbrachter Ruhestand auf doch noch akkumulierten Finanzen.