Die Chinesen sind bekanntlich Weltmeister im Kopieren. Ganze Orte und Landschaften werden von ihnen detailgetreu nachgebaut - Hallstatt kann ein Lied davon singen, weil es sich als begehrtes Original eines erfolgreichen Nachbaus des touristischen Ansturms aus Fernost kaum noch erwehren kann.

Die Skandinavier wiederum sind Großmeister im Kopieren von Popsounds. Vor allem in der zweiten und dritten Garnitur nördlichen Musikschaffens werden erfolgreiche und bewährte Popmodelle in zumeist handwerklich gediegener Manier so täuschend echt nachgestellt, dass es mitunter schwerfällt, beim ersten Hinhören zwischen Original und Kopie zu unterscheiden. Wie etwa beim Dänen Martin Baltser, der sich auf seinem Debütalbum "The Wasteland Incident" vor allem stimmlich, aber auch im Sounddesign derart Bon Iver anverwandelt, dass man sich akustisch in jene Holzhütte versetzt fühlt, wo der US-Musiker (alias Justin Vernon) einst sein viel beachtetes Debüt ("For Emma, Forever Ago", 2008) aufnahm. Zur Abwechslung hat der junge dänische Singer/Songwriter in hohen Lagen auch noch "Jonsi" drauf, sodass man im Hand- bzw. Ohrumdrehen die isländischen Sphärengeysire von Sigur Rós zu vernehmen meint. Ein bissl was Eigenständiges steuert Baltser aber auch noch bei, sodass sein nettes Debüt nicht reine Camouflage ist (Anspieltipp: "The Wasteland Incident").


Ähnlich verhält es sich bei seinem Landsmann Jesper Braae Madsen, der unter dem Projektnamen Echo Me sein bereits viertes Studioalbum veröffentlicht: "Sleep Is Key" ist zum Glück nicht zum Einschlafen, sondern hellwache Musik, die mit dem sonoren Organ Madsens dem Gesang von Rufus Wainwright erstaunlich ähnelt. Vor allem die Songs 5, 6 und 9 des Albums schwingen in jenen langen, weiten vokalen Vibratobögen, wie sie für den Kanadier typisch sind bzw. waren, bevor er oratorisch wurde. Großes, mitunter leicht selbstgefälliges Stimmtheater (Anspieltipp: "There Comes More").

Zwar nur als Beute-Skandinavier kann der Kanadier Brian DellaValle gelten, der in Kopenhagen studiert (Neurowissenschaften), aber eben dort eine tief im Indiekosmos wurzelnde Klangheimat gefunden hat, wo er heuer unter dem Aliasnamen Of The Valley (s)ein gleichnamiges Debütalbum herausbrachte. Auch er wird gerne mit Bon Iver verglichen, was aber aufgrund seines über weite Strecken dominierenden (Bass-)Baritons kaum zutrifft; mit seinem Stimmtonus und der damit einhergehenden Tiefe und brummelnden Melancholie gleicht er viel eher Sängern wie Leonard Cohen oder Bill Callahan (Anspieltipp: "Ride Alone").