Mit Störeffekten: How To Dress Well. - © Zackery Michael
Mit Störeffekten: How To Dress Well. - © Zackery Michael

Der Mann hat eine Stimme, die das Blaue vom Himmel singen kann. Dreinschauen tut Tom Krell aber meistens wie sieben Tage Regenwetter. Dass er, wie sein Künstler-Alias How To Dress Well suggeriert, ein Experte dafür ist, wie man sich gut anzieht, ist übrigens bisher auch noch nicht hinreichend belegt. Auf dem neuen Album singt Krell "There’s still so much pain and anger in your body fat". Allein auf die Idee zu kommen, das Körperfett als Sitz psychischer Verstimmung zu lokalisieren, ist kühn, aber das schmelzende Chorknaben-Falsett, mit dem Krell diese Zeilen intoniert, gibt dem Ganzen den maßgeblichen Rest.

Gereizte Maschinen

"The Anteroom" ist Krells fünfter Longplayer als How To Dress Well und findet prinzipiell beste Startbedingungen vor: "What Is This Heart?" (2014) und "Care" (2016) brachten ihm, der von Anfang an Kritiker und Insider auf seiner Seite hatte, zuletzt breiten Publikumszulauf. Seine Musik, auf dem Debütalbum "Love Remains" (2010) noch ein eher eklektischer, mit viel Knistern und Knastern auf "experimentell" getrimmter Mischmasch aus Pop, R&B und einer harmlosen Dosis Freistil, hatte sich zu einem weltumarmenden, ungemein eingängigen Indie-Soul austariert, der in seiner Geschmeidigkeit leichte Anklänge an Stadionrock und Pop-Konfektion rückstandsfrei absorbierte.

Und nun das: Tempowechsel, Brüche, unerbittliches Trommelgeknüppel, Sirenengeheul, permanentes Zischen, Schwirren, Knattern und Fauchen offensichtlich gereizter Maschinen, Samples mit abgehackten Stimmfetzen, Songs, die implodieren, keinen Fokus zu haben scheinen und ohne klare Grenzen ineinander übergehen. Wenn in diesem Ambiente konventionelle Mittel wie Synthie-Bässe oder Drum-Computer auftauchen, scheinen sie bewusst stereotyp eingesetzt zu sein - wie als seelenlose Erfüllungsgehilfen des Bösen, das in den Inhalten an jeder Ecke hervorgrinst.

Abgründige Themen

Da begegnen wir dem Gesicht von Gott in einem Becken voll Blut, Organismen, die sich selber fressen, und immer wieder auch Schädeln - denn die gehören zum dramaturgischen Kleister, der die einzelnen Szenarien zu einer Art Hörspiel über Werden/Sein und Verfall/Auslöschung zusammenfügt: Neun der 13 Songs sind nämlich zwei Strängen zugeteilt, die "Nonkilling" und "False Skull" heißen und ohne erkennbare Ordnung ("Nonkilling 13" kommt etwa vor "Nonkilling 2") durch die Platte irrlichtern.

Das Einzige, was Krell noch mit seiner erfolgreichen jüngsten Vergangenheit verbindet, nämlich die großen Melodien von Stücken wie dem erwähnten "Body Fat", "Ceiling For The Sky", "A Memory, The Spinning Of A Body" oder "Hunger", geht in dem Horror, der hier musikalisch wie auch textlich aufgeführt wird, unter. Bezeichnenderweise überzeugt der heftig heruntergebretterte Abschlusssong "Nothing" am stärksten, weil hier Inhalt und Interpretation die gleichen Wege gehen.

Dass sich Krell mit abgründigen Themen befasst, mag vor dem Hintergrund seiner buchstäblich liebesseligen Erfolgsalben überraschen. Aus seiner Biografie heraus ist es aber völlig logisch: Der derzeit in Los Angeles wohnhafte 34-Jährige hat Philosophie studiert und durchlebt laut eigener Aussage Phasen, in denen die Dichtkunst eine essenzielle Bedeutung in seinem Leben einnimmt.

Eine solche Phase seien auch die letzten zwei Jahre, in denen "The Anteroom" entstand, gewesen: "Mit dieser Platte wollte ich etwas kreieren, das in seiner Essenz poetisch ist", lässt Krell über seine Plattenfirma verlauten. Rein formal entspricht der Musiker dieser Ambition durch Samples und Zitate von Autorinnen und Autoren wie Ocean Vuong, Li-Young-Lee, Anne Sexton oder Frank Bidart. Den kreativen Teil leistet Krell aber schon selbst. Besonders "schön" in "Vacant Boat", wenn er imaginiert, was passiert, wenn der Mensch von der Erde verschwunden ist und von Künstlicher Intelligenz (AI) überlebt wird: "Mount me in the middle of the living room, entombed in a glass case, so the AIs that outlive us will look on puzzled and dismayed."