Selten hat sich ein Name in der Rockgeschichte unfreiwillig als derart prophetisch erwiesen: Dinosaur Jr. sind zwar in die Jahre gekommen, haben aber nichts von ihrer jugendlichen Leichtigkeit eingebüßt. Mit einem ironischen Augenzwinkern wird diese Attitüde in ihrem neuen Video zum Song "Over It" unterstrichen. J. (Joseph Donald) Mascis versucht Kunststücke auf dem Skateboard, Lou Barlow und Murph machen Selbiges mit Mountainbikes. Dazu näselt Mascis: "Life’s so easy to get through." Sollte es einmal Streit zwischen Barlow, Murph und Mascis gegeben haben, so ist davon nichts mehr zu spüren. Die wiedergefundene Einigkeit strahlt vor allem eines aus: unbekümmerte Freude am Musikmachen.

Angefangen hatte alles Mitte der 80er Jahre in dem 35.000 Seelen-Dorf Amherst in Massachusetts, im sogenannten Happy Valley. Nach ersten musikalischen Gehversuchen in den Bands Deep Wound und Mogo beschlossen Mascis, der damals noch Schlagzeug spielte, und Barlow, sich mit dem Schlagzeuger Murph (eigentlich Emmet Patrick Murphy) zusammen zu tun. Mascis wechselte an die Gitarre und schrieb alle Songs für das folgende Debüt "Dinosaur", das 1985 beim Label eines College-Freundes veröffentlich wurde.

Auch wenn die Produktion nach Lo-Fi klang, so war die Musik - gelinde gesagt - exzentrisch. Mascis und Barlow teilten sich die Gesangspartien. Sämtliche Einflüsse, die Mascis bevorzugte, fanden Eingang: Neil Young, Black Sabbath, Birthday Party, Hardcore, Punk und Country. Doch das Besondere lag weniger an den inspirativen Quellen, als vielmehr an der Art des Vortrags: an Barlows melodiösem Bass, der seiner Liebe zu Motörhead und Johnny Ramone Ausdruck verlieh, am schneidenden Gitarrenspiel von Mascis und am treibenden Schlagzeug Murphs.

Dinosaur gaben einige Konzerte in New York. Die meisten Besucher waren auf den Krach, der sie erwartete, nicht vorbereitet. Allerdings wurden Sonic Youth auf die Band aufmerksam und luden die Newcomer ein, 1986 als Vorband mit ihnen auf Tournee zu gehen. Durch diese Adelung kamen Dinosaur beim nächsten Album beim Label SST unter, bei denen auch - neben Sonic Youth - Black Flag, Meat Puppets und Hüsker Dü unter Vertrag waren. Überhaupt trug "You’re Living All Over Me" die Handschrift von Sonic Youth.

Die Hälfte des Albums wurde von dem Sonic Youth-Produzenten Wharton Tiers produziert und Lee Renaldo sang die Backing Vocals bei "Little Fury Things", einem Song, in dem es um einen Hasen geht. Textlich paarten sich die melancholischen Töne immer öfter mit Ironie. Auch Barlow steuerte zwei Songs zu dem Album bei, die deutlich an ein Projekt erinnerten, das er neben Dinosaur betrieb: Sebadoh. Vor allem erfanden Dinosaur auf dem zweiten Album ihren charakteristischen Sound, der im Wesentlichen darin besteht, die Gitarren zu übersteuern. Es kam aber auch zu ersten Spannungen. Mascis hatte eine klare Vorstellung davon, wie das Schlagzeug zu klingen hatte, was Murph zutiefst missfiel.