Wien.

Beyoncé ist zurück. Foto:Tony Duran
Beyoncé ist zurück. Foto:Tony Duran
Mit wem genau man es bei Beyoncé Knowles nun zu tun hat - spätestens seit ihrem Album
"I Am . . . Sasha Fierce" aus 2008 und der darauf erfolgten Hinwendung zu Radio Kuschelrock herrscht diesbezüglich Verwirrung. Immerhin stand die Frau einst synonym für das prosperierende Genre des zeitgenössischen R’n’B, das in den frühen bis mittleren Nullerjahren nicht nur die US-Charts dominierte.

In ihren Anfangstagen als Solokünstlerin durfte man der 1981 in Houston, Texas geborenen Sängerin noch so etwas wie einen gewissen Willen zum Neuen unterstellen. Dieser wurde nicht zuletzt durch klug gewählte Kreativpartner wie etwa das auf beatbetonten, trockenen Elektro-Funk spezialisierte Produzentenduo The Neptunes und ähnliche Kapazunder befeuert. Als ehemaliges Zentralorgan der harte US-Dollars lukrierenden R’n’B-Unternehmung Destiny’s Child, als deren Manager Beyoncés Vater fungierte, hatte Knowles dafür die entscheidenden Argumente.

Mit einer Karriere, die amerikanischer nicht hätte verlaufen können, also bereits im zarten Alter von sieben Jahren auf den Talentbühnen begann und für 75 Millionen verkaufte Tonträger mit sechzehn Grammys belohnt werden musste, galt Beyoncé als erfolgreichste Vertreterin ihrer Zunft. Ihre Ehe mit Hip-Hop-Star Jay-Z machte die Heldinnengeschichte schließlich perfekt, ehe Beyoncés als verbissen zu bezeichnende Arbeitsweise 2009 erstmals an ihre Grenzen stieß. Ausgelaugt von den Strapazen des Showalltags zwischen Studiosessions, Welttourneen und Werbetätigkeiten, nahm sich die Sängerin im Vorjahr eine Auszeit, während der sie auch gleich ihren Vater von der Last seiner Managementverantwortung befreite.

Ebenso wie Christina Aguilera, die sich aus der Babypause 2010 mit einem gefloppten Comebackalbum zurückmeldete, hat nun aber auch Beyoncé gegen das Karrieretief anzukämpfen. Im Zeitalter des radikaleren Popentwurfes einer Lady Gaga zwischen Konzeptkunst und Marketing sehen die Stars von gestern heute doch etwas alt aus. Die musikalische Entsprechung dazu liefert die kryptofeministische Selbstermächtigungshymne "Run The World (Girls)", die den Sound der britisch-tamilischen Rapperin M.I.A. ratlos durch den Fleischwolf gedreht mit Marching-Band-Getrommel servierte und aussagekräftig in den US-Charts (Platz 29!) scheiterte. Auch der große Rest des schlicht "4" betitelten neuen Albums ist so uninspiriert ausgefallen, dass man sich die 60 weiteren aus den Sessions angeblich hervorgegangenen Songs erst gar nicht vorstellen möchte.

Zwischen Whitney-Houston-Gedenk-Streichern und einem Gitarrensolo, für das sich auch Brian May zu schade wäre ("1+1"), geht es im Balladenfach lange gemütlich zu. Während das gemeinsam mit André 3000 von Outkast intonierte "Party" mit angenehmem Synthie-Funk auffährt, lässt das am Sound der Baywatch-Erkennmelodie gehaltene "Best Thing I Never Had" mit Entsetzen an David Hasselhoffs Badehose denken. Etwas mehr Leben vermitteln die Karnevalstrommeln von "End Of Time" oder das experimentellere "Countdown". Mit "Love On Top" wiederum erweist sich Beyoncé als frühere Madonna des späteren R’n’B.

Wie die platten Texte erklären, auf die man nur mit "Ei, ei!" ("Come take my hand. I won’t let you go. I’ll be your friend. I will love you so") und "Au weh!" reagieren kann ("Maybe it’s over, maybe we’re through. But I honestly can’t say I still love you") hat uns Beyoncé mit diesem Album nichts mehr zu sagen. Nichts wie: Die Kreativpause währt fort!

Hinweis: "Kaufmanns Laden" erscheint wieder am 9. Juli 2011