Aus Alt mach Neu: 78+ in Aktion. pr
Aus Alt mach Neu: 78+ in Aktion. pr

Otto Jekel ist Sammler von Schellack-Scheiben; jene Art von Schallplatten, die man ungefähr bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendet hat. Ihr Output war ein Monosignal, weshalb man hier mit einem einzigen Tontrichter in Form eines Grammophons klanglich das Auslangen finden musste. Jetzt ist die Frage: Was macht man mit einer Schellack-Plattensammlung in Zeiten von HiFi, digitalen Tonträgern und virtuellen Albumveröffentlichungen? Stephan Sperlich hat eine Antwort gefunden und zusammen mit Jekel die Sammlung zur analogen "Soundbank" gemacht. "Es hat sich gezeigt, dass man wirklich ausschließlich damit arbeiten kann. Wir bräuchten keine Synthesizer mehr oder Ähnliches", erzählte Stephan Sperlich in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Zusammen mit ein paar Instrumentalisten haben Sperlich und Jekel schließlich das Projekt "78+" ins Leben gerufen und nach einer erfolgreichen Single-Auskoppelung das nun aktuelle Album "Im Denkturm" (Para-Recordings/Soulseduction) produziert. Der Band-Name ergibt sich aus der Abspielgeschwindigkeit der Schellackplatten: 78 Umdrehungen pro Minute, nicht 33 oder 45, wie das heute der Fall ist. "Und das Plus steht für alles, was durch die Band dazukommt", so Sperlich.

Das Ensemble sieht folgendermaßen aus: Otto Jekel Saxophon; Stephan Sperlich Computer, Gesang; Günther Berger Gesang; Erwin Schober Schlagzeug; Philipp Moosbrugger Kontrabass; Roman Vogl Live-Visuals; Matthias Erian Tontechnik.

"Bei den Schellack-Platten handelt es sich um eine ganze Welt an Musik, die in Vergessenheit geraten, aber abgesehen von der Tonqualität noch immer aktuell ist. Das ist genauso Popmusik, wie sie auch heute gespielt wird. Wir sampeln uns die Sachen von den Platten herunter und verwenden dann die Sounds oder machen auch Cover-Versionen - das hängt ganz vom Material ab, von dem wir uns leiten lassen. Meistens basteln wir mit Samples Tracks zusammen, schreiben Texte dazu und nehmen das Ganze dann mit der Band auf."

Aus Alt mach Neu: 78+ in Aktion. pr
Aus Alt mach Neu: 78+ in Aktion. pr

Die Namen der einzelnen Songtitel - "Mehlspeis", "das Lied vom Häuslbauer" etc. - sind nicht zufällig entstanden.

"Hinter jedem Sample steht eine Geschichte. Wir sampeln schließlich nicht nur um des Sampelns willen. Das Stück Sie will gibt es beispielsweise in zehn Variationen. Das war ein ganz großer Hit im Deutschland des dritten Reiches - eine belanglose Tanznummer; ein Liebeslied. Der Text wirkt beiläufig und oberflächlich, aber trotzdem steckt etwas ganz anderes dahinter - das war ein jüdisches Stück, dass zur Nazizeit ein riesen Hit war. Und so ist das bei vielen Sachen aus dieser Zeit; der sozio-kulturelle Hintergrund hat beim Pop eben immer schon eine Rolle gespielt. Und Unterhaltung braucht jeder; auch wenn sie dazu da ist, um sich von Schrecklichem abzulenken. Bei den Texten, die wir machen, wollen wir vermeiden, dass es nur ein lustiges Umtata wird. Wir überlegen uns sehr gut, was wir da machen. Unter eine lustige Melodie einen Technobeat legen, ist nicht schwer, aber das ist nicht unsere Art."

Das Stück "Im Denkturm" ist ein gutes Beispiel dafür.

"Da geht es um Medienkritik. Denn die Medien ersetzen heutzutage bereits unsere Wahrnehmung. Jeder sitzt zu Hause in seinem eigenen Denkturm vor Radio, Fernseher und Internet, die für einen vor-denken. Daher auch der Titel."

Live zu hören sind 78+ im Übrigen am 17. Oktober im Chelsea. Neben dem Hörgenuss sind auch interessante Videos zu sehen. "Visuell verfolgen wir das gleiche Prinzip wie mit den Platten: Gezeigt wird ein Sammelsurium aus altem Super-8-Material."

- http://www.78plus.net